Dienstag, 30. September 2008

Jetzt muss ich mich erstmal setzen.



Ich habe es ja immer schon vermutet. Aber seit kurzem weiß ich es: Wenn mein Hund zur Attacke bläst, liegt es an mir. Und wisst ihr, was? Diese Erkenntnis ist gar nicht witzig! 

Wenn ich das konsequent zu Ende denke, bedeutet es nämlich: Hey, ohne mich läuft alles viel entspannter. 

Luna ist so drauf, wie ich drauf bin. Kommt uns eine Hündin entgegen, nehme ich vorsichtshalber die Leine etwas fester in die Hand. Man kann ja nie wissen. Und prompt denkt sie: Leine fester in die Hand? Oha, der Scheff wackelt, ich mache mal vorsichtshalber den Larry. 

Nehme ich die Leine nicht fester in die Hand, sondern sage stattdessen „Fuß“, hört sie es am Klang meiner Stimme: Nee, das ist nicht das normale „Fuß“, das ist das „Zick-jetzt-bitte-bloß-nicht-rum-du-Kröte-Fuß“. Resultat: Oha, der Scheff wackelt, ich mache mal ... siehe oben.

Variante drei: Ich tiriliere vor mich hin und tue so als käme uns gar nichts entgegen. Oder allerhöchstens eine frische Bratwurst oder ein gut abgehangener Ochsenziemer. Im Verborgenen stoße ich wahrscheinlich literweise Adrenalin aus – UND WETTEN, DAS RIECHT DIE!? Also wieder oha, der Scheff wackelt, ich mach mal ....

Die harte Tour. Lass das fixieren, Baby. Ein scharfes „Nein“. Wenn sie weitermacht, fliegt sofort die Schelle. Na super. In 80 % dieser Fälle flippt sie völlig aus. Ich hätte auch einen Hornissenschwarm nach ihr werfen können. 

Ich habe mir schon überlegt, ob ich mit drei Schoppen schwerem Roten starten oder unterwegs eine dicke Tüte rauchen soll. Ganz entspannt im Hier und Jetzt. Da kommen einem auch Sätze wie „Keine Sosorge, die, hps, macht nur Schbass“ und „Is‘n das Rote da kaman doch wegtupfn“ leichter über die Lippen.



Warum ich das alles erzähle? Darum:

Noch gar nicht lange her, da besuchte ich meinen Sohn auf einem Zirkushof in der Nähe von Hamburg. Er absolvierte dort ein Zirkusjahr mit anderen Jugendlichen. Alle Wagen und Zelte kamen aus der Halle auf die große Wiese und wurden für die Tournee flott gemacht. Arbeitswochenende also, die Eltern waren eingeladen.

Als ich mit Luna auf den Hof fahre, sagt Max, pass auf, da ist noch eine andere Hündin, das gibt Knatsch. Ich binde Luna an der 5-Meter-Leine an einen Zirkuswagen und sehe mich erstmal um. Sie liegt in der Sonne und döst.

Zwanzig Minuten später stehe ich in der Küche (30 Meter Luftlinie entfernt, hinter Glas, sie sieht mich nicht), da biegt die andere Hündin um die Ecke. Oha, der Scheff wackelt? Von wegen, der war ja gar nicht da. Soll ich euch sagen, was passiert ist? Nix ist passiert.

Meine Krawallmaus steht auf, sagt höflich guten Tag, ich bin Luna, wer bist du denn. Man beschnuppert sich gründlich den Poppes, albert etwas rum und fordert sich vergnügt zum Spielen auf. Nach fünf Minuten gehe ich raus, binde Luna los und habe bis zur Abreise drei Tage lang kein einziges Problem.

Wenn ich mit Luna über den Zirkusplatz laufe und sie trabt mir zu forsch auf die andere Hündin zu, drehe ich mich einfach um und gehe kommentarlos weg. Sie ist allein und hat mich nicht mehr im Rücken. In der Regel dreht sie in diesen Situationen um und läuft hinter mir her. Manchmal geht sie aber auch hin, spielt und benimmt sich tadellos.

Na bitte. Es geht auch ohne Drogen.

Trotzdem frustriert mich das. Immer auf dem Prüfstand stehen. Ständig diese Abhängigkeit von meiner Ruhe, Gelassenheit und Tagesform. Pausenlos die Gegend nach eventuellen Vorkommnissen scannen. Ab und zu will ich einfach nur mal gedankenlos spazieren gehen können, keine Erziehungsübungen machen müssen, in puncto Konsequenz ungestraft ein bisschen schlampen dürfen.

Luna guckt mich gerade an und denkt vermutlich: 
He, du Pfeife, bist du Mann oder Mürbchen?





© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2008

Kommentare:

  1. NACHTRAG
    Ich habe noch was vergessen.
    Es muss nicht zwingend Brunello die Montalcino sein.
    Montepulciano tut's auch.
    Oder drei Grappa.
    Samstag, 20. September 2008 - 01:22

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  2. oh man wie ich diese gedanken kenne...die erkenntnis dass auch mein hund ein entspannteres leben hätte, wenn nicht ich am anderen ende der leine hängen würde...
    mittlerweile kann ich sagen: wir gehören aber zusammen...wie arsch auf eimer...auch wenns manchmal kippelt...und wir werden daran wachsen...durch meine prollkugel hab ich so viel über mich gelernt wie noch nie...

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  3. wohlbekannte Situationen! Sohnemann geht mit der ältesten Hündin entspannt bei Ausstellungen durch enge Gänge, zig Hundebegegnungen und nichts passiert. Ich komme keine 3 Meter weit :-(

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