Dienstag, 4. Februar 2020

Zwei Kugeln im Auge.




Woher meine Gelassenheit in prekären Hundesituationen kommt? Ich habe in den letzten fünfzehn Jahren gelernt, dass Hunde sich nur noch mehr aufregen, wenn ihre Menschen sich mit aufregen.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich während meiner Hunderunden übers Land öfter auf Kühe treffe. Denen könnte ich stundenlang beim Malmen zugucken. Die bringt nichts aus der Ruhe. Großtraktoren nicht, Düsenjäger nicht, Menschen, die sie anstarren, nicht. Das steckt an. Sogar die Hunde legen sich hin und malmen mit.

Nicht wenige Halter von emotionsflexibel veranlagten Andersbefähigten haben diese Erfahrungen ebenfalls gemacht. Unlängst begegnete mir im Neandertal eine büroschicke, junge Dame im Blazer, die in der Mittagspause ihren Briard an der langen Leine ausführte. Als sie meinen Hund und mich heranradeln sah, rief sie ihr Ungetüm zu sich. Es setzte sich kreuzbrav vor sie hin und starrte auf das Ding in ihrer Hand. Es war so eine rot-weiße Leckerchenbox. Dachte ich zumindest. Ich hatte die Brille nicht auf. Als wir vorbeifuhren, beschloss der Briard, dass wir interessanter seien, und stürzte sich auf uns. Mich riss es vom Rad, die Dame aus den Schuhen.

Wir rappelten uns auf, pflückten die aufgebrachten Schläger auseinander und riefen sie zur Ordnung. Während sich die beiden Kontrahenten beleidigt den Rücken zukehrten, tauschten wir uns entspannt über die Situation aus, über kleine und große Ausraster, Futterneid und Ressourcenverteidigung. Erst da fiel mir auf, dass das rot-weiße Ding in ihrer Leinenhand keine Leckerchenbox gewesen war, sondern ein Eishörnchen mit je einer Kugel Himbeere und Vanille. Die hatte sie sich bei der Aktion blitzsauber ins businessfein geschminkte Antlitz gedrückt. 

Manchmal ist man froh, dass man nur ein Hörnchen mit zwei Kugeln bestellt hat und nicht den beschwipsten Tartufobecher mit Cherrylikör und doppelt Sahne.

Während wir sprachen, klebte die kühle Suppe in ihren Haaren, troff vom linken Brillenglas auf ihr Schulterblatt und lief von da langsam die Bluse hinunter auf die Hose. Nach fünf Minuten anregender Unterhaltung verabschiedete sie sich freundlich mit den Worten, sie müsse jetzt mal kurz zum Auto, um sich den Schmodder aus Gesicht und Klamotten zu kratzen. Dann schritt sie von dannen. Würdevoll, in tadelloser Haltung, die Ruhe selbst.

[...]

Müsste ich die Lehranstalten benennen, in denen ich im Laufe der letzten dreißig Jahre meinen Master in Gelassenheit erworben habe, so fielen mir auf Anhieb drei ein: das tägliche Zusammensein mit meinem angeborenen Phlegma, die Ausflüge mit meinen Hunden und – man glaubt es kaum – das Kinderzimmer.






Aus:
Michael Frey Dodillet
Leeres Nest, volle Panik
Wie man als Eltern den Auszug seiner Kinder überlebt
Mit Illustrationen von Nathalie Brink
Heyne Verlag | München | März 2020

Mittwoch, 18. September 2019

Wir sind ein bisschen maulfaul.


Es gibt soviel anderes zu schreiben im Moment. Außerdem kommt gerade die Herbstsonne wieder raus und Freaky Wiki (nicht im Bild) beißt mich nur noch alle vier Monate in Hand, Fuß oder Poppes. Kurz: Wir haben einfach zu wenig epische Themen für den Blog.

Für ganz kleinen Unfug reicht's aber allemal noch. Den gibt es mehr oder weniger regelmäßig auf Facebook. Dort ist die Krawallmaus öffentlich, sodass ihr auch mitlesen könnt, wenn ihr nicht angemeldet seid.

Wem der Sinn nach längeren Texten steht, kann gerne durch 260 Vorkommnisse stöbern (rechte Spalte relativ weit unten) oder in meinen Büchern (Buchhandlung relativ weit vorn) Erlösung suchen.

Vier von sieben Werken haben mit emotionsflexibel veranlagten Hunden zu tun, weswegen auch ungefähr drölfzig Millionen Krausetipps in ihnen stehen. Wer nach der Lektüre Lust verspürt, seinen Hundetrainer umzubringen, kann bei Hartmann und der böse Wolf nachlesen, wie das geht. Alle anderen kaufen sich bitte einen Karton Rotwein und lesen die beiden Männerromane.

Ich freue mich, dass ihr meine Texte so mögt. Bis bald, macht's gut und macht vor allem, was eure Hunde euch auftragen. Die geben sich wirklich große Mühe!






Donnerstag, 14. Februar 2019

Hunde sind kein Kindersatz.



Spontaneität ist die kleine Schwester der Neugier. Die Kinder sind aus dem Haus. Da werden nicht nur Zimmer frei, sondern auch Energien und Zeitfenster. Also mal spontan was Tolles anleiern. Was man schon immer mal machen wollte. Die Zeche Zollverein aus Zahnstochern nachbauen, einen Nacktwanderkurs buchen oder in 67 % aller Fälle (Quelle: selbst zusammenfantasierte Zahl nach dem Besuch von Hundewiesen) einen Hund anschaffen.

Das. Ist. Keine. Gute. Idee.

Steigen Fünfzigjährige und ein Weimaraner aus dem Cayenne, weiß der Kenner sofort, was die Stunde geschlagen hat. Kindersatz, murmelt es in Orkanlautstärke in seinem Kopf. Der wird Wauzi genannt, mit Babystimme angesprochen, in siebenundzwanzig Hundekursen artgerecht ausgelastet, täglich frisch bekocht und nächtens warm gehalten. Wenn deine Hündin den verprügelt, hast du eine Klage am Hals, die dich Haus und Hof kosten wird. 

Sonntag, 19. März 2017

Luna, Led Zeppelin und die Kackbratze von Castelvecchio.




Den ominösen Vorfall in Castelvecchio di Rocca Barbena habe ich bis heute verschwiegen, weil ich dabei einmal mehr eine erbärmliche Figur abgab. Es geschah im letzten Sommer. Die Hunde wanderten mit uns durch die Berge von Ligurien.

Doch, doch, sie mit uns! Die seit Jahr und Tag in dieser Familie praktizierte Umsetzung des Begriffs «Führung» lässt keine andere Interpretation zu. In diesem speziellen Fall führten sie Stella und mich durch die Berge oberhalb der ligurischen Küste. Ab und zu erlaubten die Felsen einen Blick auf das glitzernde Mittelmeer und die Kräutergewächshäuser Albengas. Luft war lau, Himmel blau, alles sehr idyllisch.

Samstag, 11. März 2017

Niedliche Nervensäge mit sechs Buchstaben.






Meine erste Bekanntschaft mit einem Beagle schloss ich als frischgebackener Neuhundbesitzer vor zwölf Jahren. Ich radelte mit Luna nichtsahnend durchs Düsseltal, als ein Beagle aus dem Gebüsch brach und uns mit wohltemperiertem Hetzlaut den Feldweg hinunterjagte. 

Luna explodierte schier vor Wut und riss mich in die Böschung. Während ich vom Fahrrad segelte, hörte ich die Beaglebesitzerin den kryptischen Satz ausrufen: »Du musst keine Angst haben, Schatz!« Ich weiß bis heute nicht, wen sie damit gemeint hat. Ihren Hund? Meinen Hund? Mein Fahrrad? Aber mir ist damals schlagartig klar geworden, dass ein Beagle und sein Halter etwas ganz Besonderes sind.

Mittwoch, 8. Februar 2017

Rudel di du dödel du.




Aus gegebenem Anlass – „Hinten ist alles okeeeeeeeeeee!" – eine aktualisierte Fassung des Rudlerbeitrags vom 5. Dezember 2014:


Eines schönen Herbsttages im Jahre des Herrn 2011 prangt in einem der größten Hundeforen des Landes ein denkwürdiger Satz. Man muss ihn sich auf der Zunge zergehen lassen: »Meine zwei Fellnasen sind einzeln schlafend, weil der NLH mit dem N3 nicht tiefenverknüpft ist.«

Samstag, 4. Februar 2017

Wiki.





Ich halte die eine Seite des Pizzakartons in der Faust, Wiki hat seine Zähne in der anderen vergraben. Wir starren uns in die Augen und machen beide ambitioniert RRRRRRRRRR. Zwischen uns ein blasser Aufdruck von Positano, aufgenommen von der Meerseite. In den Wellen dümpelt eine unansehnliche Pizza Funghi.

Es sieht nicht so aus, als trüge Wiki übermäßig Trauer. Zumindest nicht, wenn ihm einer die kitschige Pizzapappe wegnehmen will, in die er alle zweiundvierzig Beißerchen geschlagen hat. Oder wenn er am Mauseloch in meinen Schuh hackt, der ihn stupsend zum Weitergehen anregt. Oder – „Tschulldigung!“ – ungebremst in einen Hundeschulhaufen platzt, der gerade erzogen werden soll. Oder mit fliegenden Ohren und riesigen Sätzen neben dem Fahrrad galoppiert. 

Samstag, 28. Januar 2017

Luna.


„Also wenn Sie einen Ruhigen wollen, würde ich den da drüben empfehlen“, sagt die resolute Bauersfrau. Sie zeigt auf einen fässchenartigen Mini-Rottweiler mit Schäferhundohren. Der kleine Rüde liegt im Welpenhaufen und deutet mit einem Gähnen an, dass ihm alles, wirklich alles glatt am Arsch vorbei geht.

Es ist Januar 2005. Unsere Familie arbeitet seit einem halben Jahr an dem Projekt Familienhund Labrador. Wir 
durchpflügen das Labbiinternet, wälzen Labbifachbücher, quatschen Labbibesitzer an, besuchen Labbizüchter, besichtigen Labbiwelpen. Dann kommt uns ein Zettel am schwarzen Brett des Raiffeisenmarktes in Düsseldorf-Unterbach dazwischen. Neben einem Foto steht: Rottweilerschäferhundmixwelpen abzugeben. Och, denken wir, Rottweilerschäferhundmixwelpen sehen aber auch süß aus.

Freitag, 13. Januar 2017

Facebookkotze.








Weil nach unserem Socialnetworkabtauching viele gefragt haben: Alles gut, danke, uns geht’s prima. Die vereinigten Hobbyhitler haben mich nicht zum Schweigen gebracht; die Hunde nehmen nach wie vor das Viertel auseinander; unsere Laune ist ganz ausgezeichnet. Nur dass Wiki halt Facebook aufgefressen hat.

Danach hat er das gallengelbe Zeug auf den Rasen gekotzt und mich nicht mehr rangelassen. Den Film müsst ihr euch ansehen. Der Knabe kennt nix! 
Keine Ahnung, ob ich jemals wieder facebooken darf. 

Sonntag, 11. Dezember 2016

Die Chefin musste mal kurz nacharbeiten.





Wer schon etwas länger dabei ist, erinnert sich vielleicht an den Oktober 2010. Da führte Luna mit Wiki ein fünfsekündiges Zielvereinbarungsgespräch. Im Wesentlichen ging es um ihren vollen Futternapf und um die überflüssige Anwesenheit kleinerer Vollpfosten während der Mahlzeiten. Anschließend haben wir den Dude zum Nähen getragen.


Eine Woche lang trug er ein violettes Leibchen und den Kragen der Schande (Symbolbild siehe oben). Die Hunde im Viertel brezelten sich jedes Mal weg vor Lachen. Dies und die Vehemenz von Lunas Gesprächsbeitrag hat dem Einlauf eine wirklich außergewöhnliche Nachhaltigkeit verliehen. Sechs Jahre lang gab es keine einzige Diskussion mehr um Speis und Trank.