Donnerstag, 14. Februar 2019

Hunde sind kein Kindersatz.



Spontaneität ist die kleine Schwester der Neugier. Die Kinder sind aus dem Haus. Da werden nicht nur Zimmer frei, sondern auch Energien und Zeitfenster. Also mal spontan was Tolles anleiern. Was man schon immer mal machen wollte. Die Zeche Zollverein aus Zahnstochern nachbauen, einen Nacktwanderkurs buchen oder in 67 % aller Fälle (Quelle: selbst zusammenfantasierte Zahl nach dem Besuch von Hundewiesen) einen Hund anschaffen.

Das. Ist. Keine. Gute. Idee.

Steigen Fünfzigjährige und ein Weimaraner aus dem Cayenne, weiß der Kenner sofort, was die Stunde geschlagen hat. Kindersatz, murmelt es in Orkanlautstärke in seinem Kopf. Der wird Wauzi genannt, mit Babystimme angesprochen, in siebenundzwanzig Hundekursen artgerecht ausgelastet, täglich frisch bekocht und nächtens warm gehalten. Wenn deine Hündin den verprügelt, hast du eine Klage am Hals, die dich Haus und Hof kosten wird. 

Ich weiß, wovon ich rede. Unser Schäferhundrottweilerweibchen war zeit ihres Lebens ein Kotzbrocken. Sie vermöbelte alles, was vier Beine hatte und nicht bei Drei auf dem Baum war. Bis auf Katzen. Die waren bei Drei auf dem Baum. Die Gründe fürs Vermöbeln waren Legion: Der Gegner war ein Rüde, eine Hündin, ein Kastrat, war weiß, schwarz, braun oder alles zusammen, hatte einen Stock oder einen Ball, hatte weder Stock noch Ball, guckte weg, guckte hin, bellte laut, bellte nicht. Atmete.

Sie kegelte quiekende Welpen und rüpelnde Junghunde kommentarlos die Böschung hinunter. Prophylaktisch gezeigte Unterwürfigkeitsgesten brachten sie erst recht auf die Palme. Vor den entsetzten Augen ihrer Helikopterfrauchen kamen unter die Räder: Benny, Bruno, Linus, Lars, Paula, Emma, Kira, Alma, Lea, Lina, Lara, Lana, Berta. Merkt ihr was? Bautz, Attila, Arko, Waldi und Diesel, also Hunde mit Hunde- statt Kindernamen, blieben so gut wie immer ungeschoren. Was irgendwie auch doof war, weil deren Halter in der Regel nicht ausrasten, wenn's mal scheppert.

Berta wollte damals vor der Hundeschulstunde »etwas klären« und maulte Luna aus dem sicheren Refugium ihres Kofferraums heraus an. Sie war kein Weimaraner, sondern ein Rhodesian Ridgeback. Und ihr Cayenne war ein Range Rover. Ridgebacks haben so dünnes Fell, dass es schon reißt, wenn man sie nur scharf anguckt. Luna guckte aber nicht scharf. Sie sprang direkt in den Kofferraum und polierte Berta die Fresse. Das Geschrei der Wauzimama könnt ihr euch nicht vorstellen! Den anschließenden amtlichen Briefwechsel auch nicht. Die Wiederherstellung der schwer beanspruchten ledernen Innenausstattung des Luxusfahrzeugs sowie des blutenden Öhrchens übernahm schlussendlich die Haftpflicht.

In meinen zwölfeinhalb Lunajahren wurde ich von »Die Kinder sind aus dem Haus! Ich habe jetzt einen Hund!»-Halterinnen schadensersatzpflichtig gemacht für Zuggeschirre, Mäntelchen, noch mehr Öhrchen, abgebissene Hundemarken, alabasterweiße Daunenjacken (wer zur Hölle geht alabasterweiß im Wald spazieren?), Grillgut jeglicher Garstufe, kalte und warme Sommerfestbuffets, langgezogene Sharpei-Nackenfalten sowie ramponierte Doggenlefzen nach überambitioniert ausgeführtem Schnauzengriff. Ich selbst bin aufgrund der hochfrequent vorgetragenen Anschuldigungen aufgebrachter »Fellnasenmütter« mehrmals knapp einem Tinnitus entronnen. 

Also lasst das bitte mit dem Spontanhund! Erwachsene Kinder durch einen Welpen zu ersetzen, bringt’s nicht. Wer unbedingt gebraucht werden will, kann Meerschweinchen vermehren. Damit will ich nicht sagen, dass ein Hund generell eine blöde Idee ist. Im Gegenteil. Den sollte man allerdings in die Familie holen, wenn die Kinder noch klein sind. Am besten einen Rüpel mit sechzig Zentimeter Stockmaß. Dadurch wird einem vieles klarer. Wer einmal vergeblich einen solchen Hund vom Hasen abzurufen versucht, erkennt relativ schnell, wie schlecht es um die eigenen Führungsqualitäten bestellt ist. Das tröstet. Man regt sich später nicht mehr auf, wenn die eigene Brut einen konsequent ignoriert oder altersweise Ermahnungen bezüglich der Abendgestaltung – Düsseldorfer Altstadtbesuch inklusive Vorglühen mit Lidl-Wodka – mit dem Mittelfinger quittiert. Außerdem lassen sich sämtliche Varianten der Kindererziehung zeitig am Hund ausprobieren. Beide Gewerke sind von der Verfahrensweise her völlig identisch.
»Brav! Eins in Mathe! Hier hast du fünf Euro.«
»Feines Sitz! Hier hast du einen Keks.«

Wir haben unsere Luna immer sehr lieb gehabt. Für uns war sie nie ein Problemhund, sondern immer eine emotionsflexibel veranlagte Andersbefähigte. Wir alle fünf waren Meister darin, Lunas soziale Inkompetenz, mit der sie unser gesellschaftliches Leben so peinlich gestaltete, konsequent zu verklären. Darin ähneln sich Hunde und Kinder übrigens sehr. Beide sind auf der Welt, um uns Alten das saturierte Dasein ein bisschen unbequem zu machen. Will heißen: Die junge Generation tritt der alten Generation in regelmäßigen Abständen gepflegt in den Arsch, damit sie aus ihrer Komfortzone segelt. Wie heute, wo wieder europaweit Schüler gegen den Klimawandel demonstrieren. Uns senilen, unbeirrt weiter dieselnden Couchkartoffeln fällt dazu nichts anderes ein als empört zu granteln: »Kinder, ihr schwänzt die Schule. In Afrika wären sie froh um diese Bildungschance. Ihr könnt ja samstags demonstrieren, wenn es keinen stört. Oder meinetwegen in Reli.« 

Demonstrieren, wenn es keinen stört – so ein Unfug kann auch nur umnachteten Erwachsenengehirnen entspringen. Da merken wir mal wieder, wie verkalkt und unbeweglich wir im Alter werden. Kinder und Hunde sind ein echtes Lerngeschenk. Also holt einen Hund in die Familie, solange eure Kinder noch um euch sind. Und wenn sie ausgeflogen sind, findet für eure Spontaneität andere Spielwiesen als Hundewiesen. Drogen wären vielleicht eine gute Idee. Aber Obacht! Das Gras von heute hat nichts, aber auch gar nichts mehr mit dem laschen Zeug zu tun, das wir uns in den seligen Siebzigern reingepfiffen haben.


Offenlegung: Dieser Text wurde von Düsseldorf inspiriert. Wir leben seit zwanzig Jahren im Speckgürtel dieser Stadt und ... ach, fragt lieber nicht.

Donnerstag, 22. Februar 2018

Wir sind zurzeit ein bisschen maulfaul.


Es gibt soviel anderes zu schreiben im Moment. Außerdem kommt gerade die Frühlingssonne wieder raus und Freaky Wiki (nicht im Bild) beißt mich nur noch alle vier Monate in Hand, Fuß oder Poppes. Kurz: Wir haben einfach zu wenig epische Themen für den Blog.

Für ganz kleinen Unfug reicht's aber allemal noch. Den gibt es regelmäßig auf Facebook. Dort ist die Krawallmaus öffentlich, sodass ihr auch mitlesen könnt, wenn ihr nicht angemeldet seid.

Wem der Sinn nach längeren Texten steht, kann gerne durch 258 Vorkommnisse stöbern (rechte Spalte relativ weit unten) oder in meinen Büchern (Buchhandlung relativ weit vorn) Erlösung suchen.

Vier von sieben Werken haben mit emotionsflexibel veranlagten Hunden zu tun, weswegen auch ungefähr drölfzig Millionen Krausetipps in ihnen stehen. Wer nach der Lektüre Lust verspürt, seinen Hundetrainer umzubringen, kann bei Hartmann und der böse Wolf nachlesen, wie das geht. Alle anderen kaufen sich bitte einen Karton Rotwein und lesen die beiden Männerromane.

Ich freue mich, dass ihr meine Texte so mögt. Bis bald, macht's gut und macht vor allem, was eure Hunde euch auftragen. Die geben sich wirklich große Mühe!






Freitag, 13. Oktober 2017

Verwöhnpaket Herren oder Herzlich willkommen bei La Bioabzockétique.




Meine Jüngste ist nach München gezogen. Wiki und ich haben festgestellt: Wir haben das Kind nur unzureichend auf das Leben in freier Wildbahn vorbereitet. Schon gar nicht auf die Friseure der Münchner Schickeria, die 100 Euro ansagen und hinterher das Dreifache auf den Deckel schreiben. Aber der Reihe nach.

Wenn du das erste Mal in München zum Friseur gehst, der Friseur mit vollem Namen »The Culture of Total Beauty La Biosthétique Flagship Salon Le Salon München« heißt und du im Vollbesitz deiner geistigen Kräfte bist, rufst du vorher sicherheitshalber an und fragst, was Balayage auffrischen und Haare schneiden kostet. 


Sonntag, 19. März 2017

Luna, Led Zeppelin und die Kackbratze von Castelvecchio.




Den ominösen Vorfall in Castelvecchio di Rocca Barbena habe ich bis heute verschwiegen, weil ich dabei einmal mehr eine erbärmliche Figur abgab. Es geschah im letzten Sommer. Die Hunde wanderten mit uns durch die Berge von Ligurien.

Doch, doch, sie mit uns! Die seit Jahr und Tag in dieser Familie praktizierte Umsetzung des Begriffs «Führung» lässt keine andere Interpretation zu. In diesem speziellen Fall führten sie Stella und mich durch die Berge oberhalb der ligurischen Küste. Ab und zu erlaubten die Felsen einen Blick auf das glitzernde Mittelmeer und die Kräutergewächshäuser Albengas. Luft war lau, Himmel blau, alles sehr idyllisch.

Samstag, 11. März 2017

Niedliche Nervensäge mit sechs Buchstaben.






Meine erste Bekanntschaft mit einem Beagle schloss ich als frischgebackener Neuhundbesitzer vor zwölf Jahren. Ich radelte mit Luna nichtsahnend durchs Düsseltal, als ein Beagle aus dem Gebüsch brach und uns mit wohltemperiertem Hetzlaut den Feldweg hinunterjagte. 

Luna explodierte schier vor Wut und riss mich in die Böschung. Während ich vom Fahrrad segelte, hörte ich die Beaglebesitzerin den kryptischen Satz ausrufen: »Du musst keine Angst haben, Schatz!« Ich weiß bis heute nicht, wen sie damit gemeint hat. Ihren Hund? Meinen Hund? Mein Fahrrad? Aber mir ist damals schlagartig klar geworden, dass ein Beagle und sein Halter etwas ganz Besonderes sind.

Mittwoch, 8. Februar 2017

Rudel di du dödel du.




Aus gegebenem Anlass – „Hinten ist alles okeeeeeeeeeee!" – eine aktualisierte Fassung des Rudlerbeitrags vom 5. Dezember 2014:


Eines schönen Herbsttages im Jahre des Herrn 2011 prangt in einem der größten Hundeforen des Landes ein denkwürdiger Satz. Man muss ihn sich auf der Zunge zergehen lassen: »Meine zwei Fellnasen sind einzeln schlafend, weil der NLH mit dem N3 nicht tiefenverknüpft ist.«

Samstag, 4. Februar 2017

Wiki.





Ich halte die eine Seite des Pizzakartons in der Faust, Wiki hat seine Zähne in der anderen vergraben. Wir starren uns in die Augen und machen beide ambitioniert RRRRRRRRRR. Zwischen uns ein blasser Aufdruck von Positano, aufgenommen von der Meerseite. In den Wellen dümpelt eine unansehnliche Pizza Funghi.

Es sieht nicht so aus, als trüge Wiki übermäßig Trauer. Zumindest nicht, wenn ihm einer die kitschige Pizzapappe wegnehmen will, in die er alle zweiundvierzig Beißerchen geschlagen hat. Oder wenn er am Mauseloch in meinen Schuh hackt, der ihn stupsend zum Weitergehen anregt. Oder – „Tschulldigung!“ – ungebremst in einen Hundeschulhaufen platzt, der gerade erzogen werden soll. Oder mit fliegenden Ohren und riesigen Sätzen neben dem Fahrrad galoppiert. 

Samstag, 28. Januar 2017

Luna.


„Also wenn Sie einen Ruhigen wollen, würde ich den da drüben empfehlen“, sagt die resolute Bauersfrau. Sie zeigt auf einen fässchenartigen Mini-Rottweiler mit Schäferhundohren. Der kleine Rüde liegt im Welpenhaufen und deutet mit einem Gähnen an, dass ihm alles, wirklich alles glatt am Arsch vorbei geht.

Es ist Januar 2005. Unsere Familie arbeitet seit einem halben Jahr an dem Projekt Familienhund Labrador. Wir 
durchpflügen das Labbiinternet, wälzen Labbifachbücher, quatschen Labbibesitzer an, besuchen Labbizüchter, besichtigen Labbiwelpen. Dann kommt uns ein Zettel am schwarzen Brett des Raiffeisenmarktes in Düsseldorf-Unterbach dazwischen. Neben einem Foto steht: Rottweilerschäferhundmixwelpen abzugeben. Och, denken wir, Rottweilerschäferhundmixwelpen sehen aber auch süß aus.

Freitag, 13. Januar 2017

Facebookkotze.








Weil nach unserem Socialnetworkabtauching viele gefragt haben: Alles gut, danke, uns geht’s prima. Die vereinigten Hobbyhitler haben mich nicht zum Schweigen gebracht; die Hunde nehmen nach wie vor das Viertel auseinander; unsere Laune ist ganz ausgezeichnet. Nur dass Wiki halt Facebook aufgefressen hat.

Danach hat er das gallengelbe Zeug auf den Rasen gekotzt und mich nicht mehr rangelassen. Den Film müsst ihr euch ansehen. Der Knabe kennt nix! 
Keine Ahnung, ob ich jemals wieder facebooken darf. 

Sonntag, 11. Dezember 2016

Die Chefin musste mal kurz nacharbeiten.





Wer schon etwas länger dabei ist, erinnert sich vielleicht an den Oktober 2010. Da führte Luna mit Wiki ein fünfsekündiges Zielvereinbarungsgespräch. Im Wesentlichen ging es um ihren vollen Futternapf und um die überflüssige Anwesenheit kleinerer Vollpfosten während der Mahlzeiten. Anschließend haben wir den Dude zum Nähen getragen.


Eine Woche lang trug er ein violettes Leibchen und den Kragen der Schande (Symbolbild siehe oben). Die Hunde im Viertel brezelten sich jedes Mal weg vor Lachen. Dies und die Vehemenz von Lunas Gesprächsbeitrag hat dem Einlauf eine wirklich außergewöhnliche Nachhaltigkeit verliehen. Sechs Jahre lang gab es keine einzige Diskussion mehr um Speis und Trank.