Dienstag, 17. September 2013

Die Haudrauf-Seelchen.






Für Hundetrainer ist so ein Maulkorb ein ganz unspektakuläres Werkzeug: Ding drauf, Klappe zu, keiner blutet, wunderbar! Leider haben weichgespülte Familienhundebesitzer wie ich den Maulkorb mit einer Emotionalität aufgeladen, die ihm nicht gerecht wird. Das ist schade.

Jetzt auch noch der Maulkorb, dachte ich bisher. So weit ist es also gekommen. Er wirkt barbarisch. Luna sieht aus wie Hannibal Lecter. Für mich war ein Maulkorb das öffentliche Eingeständnis hundehalterischen Totalversagens. Ein Maulkorb bedeutet: „Mein Hund ist aggressiv! Er tut anderen weh, und ich habe das nicht im Griff!“ Nach dem Maulkorb kann eigentlich nur noch Euthanasie kommen.


Kommt aber nicht. Was kommt, ist eine Einladung in den Fight Club von Nadin MatthewsDa ist Maulkorb Pflicht, zwei Tage lang. Seither weiß ich: In Wirklichkeit ist so ein Maulkorb etwas ganz anderes. Man sollte ihm einen Altar aus Feldfrüchten errichten und ihn anbeten.

Dank Maulkorb erlebe ich Luna zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder auf einer Hundewiese, und zum ersten Mal seit der 980-Euro-und-45-Cent-Schlägerei vom November 2011 beobachte ich eine sich anbahnende Hundebegegnung ohne Schnappatmung. Ich sehe Luna seit langem einmal nicht im Spiel mit ausgesuchten, schmerzfreien Kandidaten, sondern mitten in einem willkürlich zusammengewürfelten Haufen unbekannter Hunde. Nach Klärung diverser Grundsätzlichkeiten mit Dascha, Paul, Paco, Pepito und Saran schläft sie ein – während der Abschlussbesprechung in einem großen Kreis von 25 Hunden und Menschen. Das rührt mich zu Tränen.


Es gibt miese Raufergruppen. Sie sind schlecht zusammengestellt und unaufmerksam begleitet. Dort lernen Hunde, sich wie gewohnt durchzusetzen und ihr Arschlochtum zu verfestigen. Boink! Dunk! Der Nächste bitte! 

Eine konzeptionell gut geführte Raufergruppe hingegen bedeutet Schwerarbeit für die Hunde. Viele Raufer haben seit langem keinen Kontakt mehr zu anderen Hunden. Falls doch, werden sie geblockt, bevor die Auseinandersetzung beginnt. Die Erfahrung, dass es ein Leben nach dem Konflikt gibt, machen sie nicht. In einer guten Gruppe lernen sie wieder, wie es ist, von anderen Hunden gesehen, ignoriert, akzeptiert oder begrenzt zu werden. Sie erleben sich selbst in völlig neuen Zusammenhängen und stellen fest, dass man sich kloppen und hinterher dennoch in gegenseitigem Respekt koexistieren kann. „Wir zwei hier auf derselben Wiese?! Wahnsinn, Bro!“

Es berührt mich sehr, wenn ich sehe, was für labile Seelchen diese „mordsgefährlichen“ Hunde in Wirklichkeit sind. Wie schwer sie atmen unter der Last des Sich-verzweifelt-um-jeden-Preis-Durchsetzen-Müssens. Wie erleichtert sie reagieren, wenn sie diesen Job endlich los sind. Den nimmt ihnen übrigens nicht der Mensch ab, sondern das stimmige Hundeumfeld. 


Überhaupt der Mensch! Jedem, der nicht gerade Tomaten auf den Augen hat und einigermaßen Hunde lesen kann, muss das Herz aufgehen, wenn er sieht, wie fein eine Hundegruppe – selbst die allerschlimmsten Haudegen – untereinander kommuniziert; wie eine Gruppe Stimmungen aufnimmt; wie sie sich verändert, je nachdem wer dazustößt; wie sie fröhlich auseinanderstiebt, wenn eine Spielbiene hineinprescht, oder buchstäblich erstarrt, wenn ein Macho daherstakst; wie sie Neuankömmlinge abklopft, wie sie sie aufnimmt und was daraus entsteht.

Angesichts dieser herausragenden Kommunikationsfähigkeiten wirkt es geradezu lächerlich, wenn der Mensch Trainingstechniken entwickelt, die den hirnrissigen Zweck verfolgen, Hunde mehr oder weniger stressfrei aneinander vorbeizumanövrieren. Um Kontakt oder eventuelles Aufbrausen von vornherein zu unterbinden wird FUSSS gezischt, mit Futter getrieben, intermediär herumgelalat, für den Blick geklickt, am Stachler gerissen, FEIIIN gezwitschert, ein Geschirrgriff konditioniert oder wochenlang Odin von gegenüber gezeigt und benannt. 

Wie können wir grobmotorischen Trottel uns überhaupt anmaßen, die Führung in einem solch nuancierten Kommunikationsprozess übernehmen zu wollen? Dass sich unsere Hunde nicht totlachen und uns in den Arsch beißen, damit wir endlich Ruhe geben, ist ihnen hoch anzurechnen.


Habe ich erwähnt, dass Raufergruppen Seelenbalsam sind für Halter von emotionsflexibel veranlagten Andersbefähigten? Wie schön, hier haben alle einen Maulkorb. Wie beruhigend, dein Hund ist auch doof. Wie erholsam, eine Klopperei ohne fünfundzwanzig schreiende Nordic-Walking-Rentner drumherum.

Noch balsamiger wird es übrigens, wenn man im Rahmen eines solchen Wochenendes auf Hundetrainer trifft, die selber einen Raufer besitzen. Die freimütig gestehen, dass sie alle Kundenhunde souverän im Griff haben, aber beim eigenen Schläger leider völlig zusammenklappen und nicht mehr kühler Profi sind, sondern nur noch emotionsgeladener Mensch. 

Bei denen würde ich sofort einen Kurs buchen. Die haben geblutet, die haben gelitten, die sind so mürbe wie ich. Denen muss ich gar nicht mehr sagen, wie ich mich fühle und warum ich nichts auf die Kette kriege. Das kann nur gut werden.


Dascha und Luna in einem ersten Gespräch am Samstagmorgen. Sie haben sich gerade kennengelernt. Im Wesentlichen geht es um Weltfrieden und um Kerle.

Foto: Sophie Strodtbeck

Foto: Sophie Strodtbeck

Foto: Sophie Strodtbeck

Nach der Debatte sind sogar gemeinsame Spaziergänge an der Leine möglich. Wahrscheinlich, weil Weltfrieden überschätzt wird und die meisten Kerle sowieso scheiße sind. Ich selbst beschließe nach dieser Nummer, über das Geschäftsmodell des Dogwalkers nicht weiter nachzudenken. 

Foto: Sophie Strodtbeck

Nach dem offiziellen Teil Happy Hour im eigenen Garten. Mit dabei ein nicht geerdeter Wiki und ein eigensinniger Gastbeagle namens Meier.

Foto: Sophie Strodtbeck

Foto: Sophie Strodtbeck

Foto: Sophie Strodtbeck

Meier demonstriert auch am zweiten Tag Gesprächskultur. Er und Schimanski unterhalten sich gepflegt über Reitsport.

Foto: Ulla Bergob

Der Feind in meinem Nacken? Auch egal. Kurz vor Feierabend haut es den Raufer im Kreise seiner „Lieben“ einfach um.

Foto: Sophie Strodtbeck


Wovon es leider kein Bild gibt.
Gastbeagle Meier ordnet klammheimlich die Kissen auf der Couch neu und legt sich ins gemachte Nest. Dort wird er zwei Stunden später entdeckt, löst den Konflikt aber so charmant, dass alle Dodillets auf der Stelle beagleinfiziert sind. Das hält auch an, als Meier plötzlich auf einem Stuhl am Tisch sitzt, sich während des Essens auf einen Schoß mogelt und die Büroräume unterm Dach inspiziert. Den Laptop hat er nicht gepimpert. Dafür einen herzlichen Dank.


Wovon es erst recht kein Bild gibt.
Aus lauter Frust, weil er als Nichtraufer eingestuft wurde und zu Hause bleiben musste, prügelt sich Wiki beim gemeinsamen Abendessen unter dem Küchentisch mit Faust, Nadins fünfmal schwererem Owtscharka. Den Rest des Abends faucht Wiki Meier an, weil... weil... ja weil halt!!!



Nachtrag, weil ich vor lauter Begeisterung vergessen habe, die Fakten aufzuschreiben.
Eine Raufergruppe, wie sie nicht sein soll, zeichnet sich durch drei Attribute aus. Sie ist konzeptlos, unbegleitet, nicht am Individuum ausgerichtet. Der Aufbau, den wir an diesem Wochenende erlebt haben, sah ganz anders aus.

8 angemeldete Raufer, 15 stabile Hunde. Die Stabilen bilden die soziopositive Gruppe. 

Erste Sichtung am Samstag: Jeder Raufer kommt einzeln in die soziopositive Gruppe. Sein Verhalten wird beobachtet. 

Zweite Sichtung am Samstag: Die Raufer bilden zusammen eine Gruppe, die sozionegative Gruppe. Ihr Verhalten wird beobachtet. Die Soziopositiven bleiben draußen.

Auswertung am Samstagabend: Wer lernt in welcher Gruppe am meisten? 

Ergebnis: 
• 2 Raufer sind gar keine Raufer, sondern liebe Kerle und dürfen heim. 
• 4 Raufer lernen in der sozionegativen Gruppe genau das, was sie lernen sollen. 
• 2 Raufer sind in der sozionegativen Gruppe komplett überfordert und bei den Soziopositiven eigentlich auch. Es sei denn, sie werden bei den Soziopositiven kontinuierlich begleitet. Im Grunde aber brauchen sie Einzeltherapie. 

Konsequenz am Sonntag: Wir lassen die 4 Raufer aufeinander los? Hätte man machen können. Wir sind aber neugierig, was passiert, wenn die richtig Bösen auf die richtig Guten treffen. Es wird eine gemischte Gruppe gebildet aus den 15 Soziopositiven und den 4 Raufern. Die Interaktion der Hunde war ein Traum. Die Übungen für ihre Besitzer auch. In meinem Falle eher Alp, aber Schwamm drüber. Dogwalking ist halt nicht so meins.

Was habe ich gelernt? Raufergruppen sind die hohe Kunst des Hundetrainings. Die Trainer brauchen ein unglaubliches Bauch- und Fingerspitzengefühl. Sie dürfen nur ganz filigran in die Aktionen eingreifen. Sie müssen in Real Time Dinge erkennen, die andere nicht einmal in Slow Motion sehen.

Ich fürchte, das kann man kaum lernen. Man hat es drauf oder nicht. Deshalb gibt es soviele Raufergruppen, die kontraproduktiv sind. Und soviele Vorurteile dagegen. Aber eigentlich sind es dann ja keine Vorurteile. Die Mehrzahl der Raufergruppen ist vermutlich wirklich großer Mist.

© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2013







Kommentare:

  1. Herzerfrischend!!!!!! Wäre schön, wenn es das hier auch gäbe :-(.
    Gratulation zur erwähnten Erleichterung, das hat sicher gut getan :-)......
    Und danke für deine Zeilen, ich bin und bleibe ein Fan!
    LG Alex

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  2. Na dann bist du ja jetzt völlig relaxt und gerüstet für den Donnerstag. Jetzt weist du warum es uns auf der Spreng so gut gefällt, mehr als einmal sind wir gerührt und es flossen so manche Tränen weil du merkst du und dein Hund sind nicht alleine es gibt nocht mehr Chaoten.
    Wir freuen uns auf euch, viele Grüße von den "Aussätzigen" ;o)
    und vom schönsten Eichhönchenschwanz der Spreng mit der kompletten Gang. PS: ein super Bericht und tolle Bilder

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    1. Wir freuen uns auch. Der nächste Donnerstag wird vermutlich ebenso in die Annalen eingehen. Die Katastrophen von heute sind die Anekdoten von morgen.

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  3. Meier behauptet er hätte Luna ignoriert, OBWOHL sie IHM schöne Augen gemacht hat. Kann das sein ??

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    1. Ja. Nicht mit dem Arsch hat er sie angeguckt auf dem ersten Spaziergang.

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    2. Aha, der Herr Meier redet wohl nicht mit jedem. Aber eure Couch fand er super, hihi

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  4. Kann so ein Maulkorb bei dem wilden Gerangel nicht verrutschen oder abgehen?

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    1. Er sitzt sehr fest. Deshalb muss man auch einen finden, der bequem ist und gut passt. Es gibt ganz viele verschiedene Größen und Längen. Aber manchmal gehen sie schon ab. Oder ein Riemen reißt. Dann gibt's kleine Löcher.

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    2. wir haben einen metallbeißkorb, der an allen seiten verstellbar ist. er ist innen mit weichem leder fürs empfindliche stinktier ausgelegt und die riemen sind auch aus ganz weichem leder.
      mann mag ihn nach drei jahren noch immer nicht, verletzt das männliche ego, hält aber dank der mehrfachverstellmöglichkeiten bombenfest und bietet genug platz zum knurren,trinken und leckerli verzwicken

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  5. DANKE Michael, besser hätte man diese zwei Tage nicht in Worte fassen können.

    Monika

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    1. Dankeschön für den Bericht. In Großstädten ist Maulkorb einfach das Ticket für Freilauf bzw. gibt es Situationen für Hunde wo Maulkorb einfach Pflicht ist. Abgesehen davon daß es Situationen und soziale Begnungen gibt die sich ein am Land lebender Mensch, Hund, Krause nicht einmal in seinen kühnsten Albträumen ausmalen könnte. Wenn etwas schiefgeht ist dann der Hund der Verlierer. Ein Hundebesitzer der seinen Hund einen Maulkorb raufgibt und ihn dazu erzieht, daß er ihn völlig problemlos er(trägt) ist ein sehr verantwortungsvoller Mensch!!! Ahja es gibt bei uns i.d. Großstandt Hundezonen, wo das "Rauferseminar" sich Tag für Tag wiederholt. Nicht so gut geführt wie von Krauses, allerdings absolut kostenlos. lg Andrea

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  6. Juchuuu, ist das schön sowas gerade jetzt zu lesen!! Ich habe aus schlechter Haltung vor einer Woche einen DSH aufgenommen, der totale Angst vor Menschen hat. Um ihn daran zu gewöhnen wollte ich zum Maulkorb greifen, auch damit wir mal in die Stadt fahren können. Jetzt hab ich ein deutlich ruhigeres Gewissen.

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  7. wo gibt es diese tolle raufergruppe?

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  8. Ich liebe es.. auch ich bin ein Hundetrainer mit Krawallmaus.. ich mach das auch, wenn es geht... denn so lernen hunde wieder hundespache... herrlich... danke für diese fantastische beschreibung!!!!

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  9. Toller Bericht! Nun hab ich ja auch so einen Rüdenrüpel und meide Hundewiesen und Begegnungen mit anderen Artgenossen wie der Teufel das Weihwasser. Wenn ich wüsste, wo es hier im ostwestfälischen Raum so eine Raufgruppe gibt, würde ich es gerne mal ausprobieren. Falls jemand einen Tipp hat, immer her damit. Ich bin dieses ewig hysterische "Ist das ein Rüde oder eine Hündin-Gebrülle" so leid :-(

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  10. Ich kam hie rund in die Situation zwei unbekannte Rüden zu vergesellschaften. Zeit und Ort ließen nicht zu, dass wir lange einen Social Walk veranstalteten, also vertrauet ich auf die Hunde, die jeweils eine gute Sozialisation mit Artgenossen durchlebt hatten.
    Zwei Japaner - 8 Kilo gegen 30. Kommenkampf vom Feinsten. Drei Runden strengtsen ritualisiert.
    Heute sind sie unzertrennliche Freunde.

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