Dienstag, 25. Oktober 2011

Hunde kennen kein Lampenfieber.





Doch, ja, ich gebe es zu. Lesereisen machen einen Sauspaß. Jeder Abend ist anders. Ich habe keine Ahnung, wie mein Hund sich aufführen wird – und wie das Publikum! Erst recht nicht, wenn die sehr verehrte Hörerschaft bereits mit Äppelwoi, Prosecco oder Aperol vorgeglüht hat. Das macht jeden Auftritt so unberechenbar wie eine Frontalbegegnung auf der Hunderunde. 


Hennef. Die erste Lesung meines Lebens. Ich bestehen zu 110 % aus Adrenalin, Lampenfieber und Rescuetropfen und hample gestikulierend und kopfkratzend am Tisch herum. Da ich ohne Mikro lese, bleibt mir wenigstens die Schmach erspart, mir das Headset vom Kopf zu fegen. Ausgerechnet diese Lesung wird auf Video aufgenommen. Als die Aufzeichnung später im Netz steht, entdecke ich in einem Hundeforum folgende Analyse: „Man beachte die Körpersprache des Autors. Wenn er so auch mit seinem Hund kommuniziert, dann wundert mich wirklich GAR nix mehr.“


Köln. 3-Gänge-Menü im Limelight. Luna und ich sind als Pausenclowns gebucht und lesen zwischen den Speisen. Auf meine dankbare Ansage, wie wunderbar ich es fände, dass so viele wegen mir gekommen sind, hauen die Kölner mir um die Ohren, dass keine Socke wegen mir da sei, sondern alle nur wegen Luna. Dafür räche ich mich wenig später fürchterlich, indem ich ankündige, als Vorspeise gäbe es Dialog von grünem Pansen und plattgetretenem Laubfrosch an Ochsenziemer-Reduktion. Da werden die ersten blass. Der Rest bei dem Satz, zum Hauptgang würden sie mit Schweineleber gebarft.


Erkrath. Es sind so viele, dass die Veranstaltung geteilt werden muss. Um das Konfliktpotenzial zu minimieren, schlage ich vor, die beiden Großfraktionen der Bravhundehalter (1) und Krawallmausinhaber (2) von vornherein zu separieren. Fangfrage im Vorverkauf: Haben Sie eigentlich noch eine Hundehaftpflicht? Hinterher saßen dann doch alle gemischt und der erste Abend war trotzdem wundervoll und der zweite auch.


Reinheim. Wir lesen in der Äppelwoi-Kneipe Zum kühlen Grunde. In einem schwachen Moment gestehe ich, dass ich aufgrund eines frühkindlichen Traumas noch nie Äppeloi getrunken habe.
 Als ich klein war, musste ich früher jeden zweiten Samstag zur Omma. Da traf sich um 15 Uhr 30 die ganze Familie und die Tante, die in der Bäckerei bediente, brachte Restkuchen mit. Um 16 Uhr war der Kaffee warm und der Fernseh vorgeglüht. Zack – Blauer Bock! Die Hölle! Heinz Schenk erzählte Witze, die ich nicht verstand, die Band war das Grauen, alle schwenkten Bembel, zwischendurch schmetterte das Medium-Terzett – drei waghalsig gefönte Herren – a capella und DU BIST SIEBEN UND KANNST NICHT WEG! Nach der Pause bekomme ich den ersten Äppelwoi meines Lebens gereicht, einen sogenannten „süßen", der so sauer ist, dass ich gar nicht wissen will, wie der saure schmeckt. Überdies habe ich das Gefühl, ich trinke Fruchtsaft; im Kopf kommt aber so etwas Ähnliches wie Stroh Rum 80 an. Dnach habbe ich leiste Swirichkeiten mit einem Texsst, in dem dreimal Hannibal Smith und eimal Hannibal Smiths Pläne pforkommd. Gegen 23 Uhr stellt sich Luna demonstrativ in den Scheinwerfer und gähnt.


Mettmann. Als ich Eddies Bratwurstdiplom vorlese, fragt tatsächlich ein Zuhörer, wer damals eigentlich die Bratwurst bezahlt habe. Das habe ich mich in den vergangenen sechs Jahren noch kein einziges Mal gefragt. Aber jetzt fällt es mir wie Schuppen von den Augen: ich! Hunderte von Euros für einen Hundekurs ausgegeben und die Bratwurst auch noch selbst bezahlt! So eine Sauerei!


Dormagen. Schon Ende September, aber immer noch brütend heiß. In der Buchhandlung geschätzte 32 Grad. Wie in fast jeder Lesung wird zuerst Luna vorgestellt und irgendwann dann auch ich unter ferner liefen. Pfff! Dann soll halt der Hund was machen und ich lege mich auf die rote Decke..


Datteln. Nach meinem ausgiebigen Obstkuchenlamento bietet mir Simone via Facebook an, frischen Zwetschgenkuchen zur Datteln-Lesung mitzubringen. In doppelt gesicherter Tupperware, falls der Vegetariersausack auch mitkomme! Ich lehne ab mit der Begründung, ich könne mit vollem Mund so schlecht vortragen. Ich Idiot! Wo ich doch nach den Lesungen immer so einen Kohldampf schiebe, weil ich vorher stundenlang nichts essen kann.


Dülmen. Alles riecht nach dem Labbi-Rüden der Buchhandlung. Ich bete im Stillen, dass meine Rüdin nicht drübermarkiert. Vor allem nicht ins Bildbandregal, wo die teuren Schinken von Schirmer/Mosel stehen. Wäre aber mal was Neues für unsere Haftpflicht.


Velbert. Vielleicht liegt es daran, dass der freundliche Herr Kape von der gleichnamigen Buchhandlung im historischen Stadtkern von Langenberg Katzen statt Hunde hält. Oder Heyne den Beipackzettel zur Lesung verbaselt hat. Oder Langenberger einfach cooler sind als ich. Als ich vier Tage vor der Lesung anrufe, um Details abzustimmen, rutscht mir jedenfalls das Herz in die Hose. Herr Kape hat aus Publikumshunde müssen leider draußen bleiben! ein launiges Publikumshunde willkommen! gemacht. Er verspricht, die Bombe rechtzeitig zu entschärfen. Hat er geschafft.


Pulheim. Die netten Damen von der Buchhandlung servieren ihrer Kundschaft selbstgefertigtes Käsegebäck. Da es Rotwein zum Keks gibt, füttert die Zuhörerschaft enthemmt Fremdhunde. Ich muss mich keine Minute um Luna kümmern. Sie ist mit Schnorren beschäftigt.


Ahlen. Wo andere Publikümer vor Lachen zusammenbrechen, schmunzelt der Ahlener höchstens. Selbst die Geschlechtsverkehr-Passage bei Eddie the Beagle – sonst ein Garant für anhaltendes Gejohle – wird nur mit verhaltenem Lächeln gewürdigt. Ich bin irritiert und verzweifle langsam. Die kriegst du nie gepackt, denke ich. „Das war sooo schön", freut sich am Schluss die nette Buchhändlerin Frau Sommer, „die sind ja dermaßen aus sich rausgegangen heute." Als ich sie mit kugelrunden Augen anstaune, erklärt sie nur: „Westfalen!"




© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2011

Kommentare:

  1. wann kommt ihr denn mal nach München?

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  2. ich lad euch nach halle/saale ein. sach wann de zeit hast und ich versuch n termin zu organisieren.
    Rüdi und Luisa

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  3. Schööön. Und ich krieg eine Autogrammkarte, ich krieg eine Autogrammkarte.... Jaja.... ich krieg eine Autogrammkarte.

    Ich war zwar bei keiner Lesung, aber du hast trotzdem eine für mich geschrieben. Hoffentlich krieg ich sie bald...

    :o)

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  4. Och komm jetzt: Hennef war top Material.
    Finde, für Weinachten müsste man mal deine gesammelten Outtakes schneiden – so es welche gibt.

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  5. ich hätt auch gern mal ne lesung ! - wenn´s geht in franken. mit allem drum und dran.

    und denke mal, daß es kaum auffällt, wenn ich die zu meinem haushalt gehörigen rüdinnen mitbringe. verspreche auch, daß ich sie in die letzte reihe setzte, und wenn die richtung luna herrlich blitzenden zähnchen wieder erwarten beim lesen blenden sollten, zieh ich ihnen einfach nen sack übern kopf :)

    also: wann kommt ihr ?

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  6. Also wir müssen da mal etwas klarstellen. Unsere beiden Dosenöffner sind bei der Lesung in Versmold am 1. Dezember haben sie uns erzählt.
    Beides Ur-Westfalen und beide der Meinung das nicht alle Westfalen so sein können wie die in Ahlen.

    Jedenfalls haben wir alle vier dann einen tollen Abend. Zwar dürfen wir ja nicht Luna kennenlernen, dafür sind wir aber unbeaufsichtigt und allein im Haus.........

    Viele Grüße von
    Ally & Enzo

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  7. Werter Au-Tor,

    Andere Länder, andere Sitten..den Franken sagt man ja auch nach, sie wären etwas mupfelig, iiiech kann das gar nicht nachvollziehen !

    Also bei mir in Klein Gallien ist gar nicht alles weiss, denn ich bin ja kein weissfetutschinist. Wenn Sie mal meinen Post aufmerksam lasten, dann sehn Se doch, dass alles Braun und Rost-Oraasch ist. Folglich muss ich die Duke-Schnuke auch nicht suchen. Wenn es schneit, dann hat er ein rotes Dreieckshalstuch um, so dass ich ihn nicht zu besprühen brauche und folglich im Frühling nicht rasieren muss.

    Er legt auch praktischerweise sein Winterfell von selbst ab. Auf einmal. Bergeweise. Bei seiner Größe macht das ca. 3 weitere Hunde in der Größe von Luna aus.......
    Wiki würde da geschätzt 7,98 Mal reinpassen.
    Oder aber ich stricke mir doch einen Lodenmantel daraus für die kalten Tage.

    Bleibt nur noch das Rästel zu lösen,w eshalb es in Datteln einen Zwetschgenkuchen geben sollte und nicht umgekehrt und wo denn Luna die Bratwurst in Heinz Schenks Bembel versenkt hat und ob die Kopfjuckungen vom Kindheitstraume mit ohne roter Decke herkommen und vor allem, ob sie wieder verschwinden, wenn Du doch die Zuschauer seperieren würdest. Fragen über Fragen, die vielleicht in Band Zwo aufgegriffen werden sollten....

    Kommen Se mal auf Ihrer Tour doch hier nach Franken zur letzten Öl-Lesung ? Ich habe schon BeschwerdeBittBriefe annen Verlag geschrieben, aber es hülfte alles nix...

    Einen erholsamen Abend wünscht
    Eve

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  8. Wenn es euch mit der Lesung mal nach Hannover oder Umgebung verschlagen würde, wäre das auch sehr toll..

    Und zum Fremdhunde füttern: Das ist vermutlich daher schöner, weil der hauseigene vierbeinige Schnorrer so schnell dick wird ;)
    Liebe Grüße aus dem ziemlich kalten Hannover!

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  9. Ich möchte mich an dieser Stelle herzlich für das Buch Herrchenjahre bedanken und freue mich auf das Buch Herrchenglück ( habe ich mir gleich mitgekauft) weil ein Chaoshund war uns auch nicht genug.
    Endlich komme ich mir nicht mehr ganz so bescheuert und unfähig vor.
    Das beste ist, ich bin nicht allein. Mit dem lesen komme ich nicht ganz so schnell voran, weil ich mir ständig die Lachtränen aus den Augen wischen muß. Das Buch entfaltet schon jetzt eine gute Wirkung, Ich bin viel gelassener, da es nicht nur mir so geht.
    Nochmal herzlichsten !!!

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