Dienstag, 30. August 2011

Wildschweinsalami und Lavendel.




In einem Hundeforum habe ich gelesen, dass die Überfahrt nach Korsika für den Hund sooo toll gewesen sei. Bei Sonnenschein habe man auf dem Außendeck 24 weitere sooo süße Hunde getroffen, die sich sooo toll vertragen haben und man freue sich sooo sehr auf das nächste Mal.

Für den Inhaber eines distanzlosen kleinen Rotzlöffels und eines auf Krawall gebürsteten Mauerblümchens sind das ganz wunderbare Aussichten. Den Urlaub bloß nicht mit Erholung beginnen! Zu ruhiger Puls schadet der Gesundheit.

Die Überfahrt gestaltet sich dann auch allerliebst. Wir verbringen viereinhalb Stunden auf einem überfüllten Moby-Line-Deck, auf dem brave Hunde spazieren gehen und unbrave sich immer aufregen müssen. Wir sind laut. Meine Güte, sind wir laut. Ich kann den Hunden das nicht mal übelnehmen. Wie soll man als Krawallmaus eine friedliche Überfahrt garantieren, wenn sie Kater auf die Bordwände lackieren? Wir fahren ja quasi auf einem feindlichen Schiff.



Schnorrer an Bord 

Das mit dem Sonnenschein stimmt ebenfalls. Allerdings kommt in unserem Fall ein beeindruckender Seegang hinzu. Die Fähre rollt so, dass sich nach zwei Stunden die Passagiere leider in zwei Grüppchen spalten müssen. Die einen kauen herzhaft und in bester Laune duftende, gegrillte Käse-Schinken-Sandwiches, die anderen kotzen in Klarsichttüten und tragen die Suppe dann tropfend durch den Wind.


Luna murrt nur noch, flippt aber nicht mehr aus. Womöglich schlägt ihr der Seegang auf den Magen. Obwohl sie sonst eigentlich gerne bricht. Wiki erweist sich als Überlebenskünstler, der überall durchkommt. Er legt den Kopf flach auf den Boden und wartet, bis ihm das Popcorn, das der Wind übers Deck bläst, ins Maul kullert. Wenn es bei uns nichts zu futtern gibt, stellt er sich vor mahlzeitende Passagiere und starrt sie solange an, bis sie Essen fallen lassen. Da er nicht allzu wählerisch ist, führe ich ihn im großzügigen Abstand um alle Kotzlachen herum.


Mediterrane Freizeitgestaltung

Auf dem Campingplatz in L‘Île Rousse zeltet ein Bällchen-Malinois, der bei jeder sich bietenden Gelegenheit „ausgelastet“ wird. Kilometerweit rennt er seiner bunten Kugel hinterher, die Frauchen ziellos durch die Gegend schleudert. Gelegentlich kommt es vor, dass ich mit Wiki und Luna am Strick ahnungslos um eine Zeltecke biege, das Bällchen direkt vor unseren Füßen landet und der Mali in uns hineinbrettert. Bei dem Versuch Schlimmeres zu verhindern, wird mir ordentlich warm. Schönen Dank auch. Bei 32 Grad ist diese Form von Bewegung genau das Richtige.

Am Abend vermöbelt Luna einen struppigen Korsen. Das gehört sich als Gast nicht. Aber wenn man an der Leine blöd angegangen wird, setzt es einen Satz heiße Ohren. Wiki hält sich diskret abseits und lässt Madame machen. Der Korse bewacht aus uns unerfindlichen Gründen eine Strandbar und startet von dort herdenschutzhundartige Ausfälle. Auch eine Möglichkeit, kundenfrei zu bleiben.

Zwischen den Kampfeinsätzen vertreiben sich Luna und Wiki die Zeit mit Baden im Mittelmeer, Baden im Fangobach, Baden im Sand und Baden in totem Fisch. Dazwischen verbellen sie ungarische Wanderer, futtern am Fuße der Jagdruine eines Napoleonenkels Pizza und verstorbene Großinsekten, schlecken Sonnenmilch von frisch eingecremten Armen, klauen Wildschweinsalami von unbeaufsichtigten Frühstücksbroten und schlafen südländisch. Will heißen: Sie schnarchen selig, alle Viere von sich gestreckt, unter einer leichten Staubdecke.




Ich stelle derweil fest, dass auf allen 200 roten Poop Bags, die ich gekauft habe, fit+fun steht, und gelange zu der Auffassung, dass Leute, die Hundekottüten unter dem Label fit+fun vermarkten, ein ziemlich gestörtes Verhältnis zu ihrer Freizeitgestaltung haben müssen. Französische Schoßbesitzer führen übrigens keine Poop Bags mit sich, sondern ein Fähnchen Toilettenpapier. Damit wird der Poppes gereinigt und das Häufchen anschließend weithin sichtbar als ein solches gekennzeichnet.


Die Farbe Rot

Buch ist rot. Bulli ist rot. Meine Hose ist rot. Mein Hemd ist rot. Fahrrad ist rot. Die Hundeleinen sind rot. Ein Halsband ist rot. Die Kackbeutel sind rot. Die Katzennase auf der Fähre ist rot. Wie kommt das? Meine Lieblingsfarbe ist grün.


Neues vom Breitensport

Die zweite Ferienhälfte in der Provence nutzen wir unter anderem, um unbeobachtet im Ausland Fahrradfahren zu dritt zu erlernen. Nachdem alle begriffen haben, dass wir gemeinsam an einem Strick ziehen müssen, funktioniert es leidlich. Luna ist anfangs nicht so recht klar, was diese schwarzweiße Torfnase an ihrer Seite soll. Die war vorher nie da. Wiki hingegen möchte am Rad spielen und mit Luna toben und an ihrem Hals kauen, als wenn ich gar nicht an der Leine hinge. Nachdem ich den beiden tief ins braune Auge geblickt und ein Machtwort gesprochen habe, nehmen wir Fahrt auf.


Weitaus schwieriger als das Radeln „avec assistance canide" erweist sich das Aufnehmen der Hinterlassenschaften. Das muss man sich in etwa so vorstellen: 

1. Das Fahrrad mit der Hüfte am Sattel ausbalancieren. Es ist ein Damenfahrrad und hat keine Stange, sonst wäre es einfacher. 
2. Beide Leinen an den linken Lenkergriff hängen und den Griff sicherheitshalber fest in die Hand nehmen. 
3. Tüte aus der Hose nesteln. Fahrrad ausbalancieren. 
4. Langsam runterbeugen und den Haufen mit der Tüte aufnehmen. 
5. Tüte verknoten. Umgefallenes Fahrrad aufrichten. Hunde entwirren. Die möchten beim Geschäft nicht nebeneinander stehen und rennen auf die andere Fahrradseite. Der eine, während der andere macht, und der andere, nachdem er gemacht hat, weil er nicht beim Haufen bleiben will. 
6. Nach dem Entwirren der Leinen mit dem Tütchen am Lenker fünf Meter weiterfahren und dasselbe Theater mit dem zweiten Hund erneut durchexerzieren. Jetzt allerdings in Rekordzeit, weil ein anderer Hund kommt und Luna sich schon wieder aufbläst.
7. Mülleimer suchen. 

Ich nenne es Kackbeutelakrobatik und langsam dämmert mir, was mit fit+fun gemeint ist.


Kritische Gedanken zur Kleinsthundzucht

Die Zahl der suizidgefährdeten Kleinsthunde in Frankreich ist erschreckend hoch. Wir werden mittlerweile an vier Stellen auf dem Campingplatz angegriffen, jedesmal aus der sicheren Deckung des Wohnmobil-Unterbodens heraus. Alle vier Kontrahenten sind maximal zwei Handvoll groß, der mutigste von ihnen sogar nur eine Handvoll. Der jagt uns nicht kläffend weg, sondern er blockt uns!

Monumental – soweit das möglich ist – baut er sich einen halben Meter vor unserem Gespann auf und starrt uns nieder. Ein todesmutiger, paarhundertgrammschwerer Tennisball gegen eine geballte Übermacht: 40 Kilo Luna, 17 Kilo Wiki, 100 Kilo Fahrrad, 10 Kilo ich. Luna ist so verblüfft, dass sie sekundenlang die Schnauze hält. Das genügt dem Besitzer, um seinen lebensmüden Helden aus der Arena zu tragen.

Die Angreifer sind ein Chihuahua, ein kleiner Yorkshire, ein winziger Yorkshire und eben dieses tennisballgroße Bologneserhündchen. Ich frage mich, wieso man diese Rassen immer kleiner züchtet, bis sie in die Handtasche passen, es aber gleichzeitig versäumt, die angewölfte Raubzeugschärfe aus dem Genpool zu entfernen. Vor allem bei den Terriern. 

Was soll das unterm Strich werden? Ein Handtaschenreißwolf? Ein Begleithund für den Banküberfall?



Schlaues Kerlchen

Anstatt sich wie Luna mit der 5-Meter-Leine zwischen Campingstühlen und Tisch zu verheddern und maulend stehenzubleiben, beherrscht Wiki die Kunst, exakt denselben Weg zurück zu laufen, den er gekommen ist. 


Haute Cuisine

Es ist schwer, auf dem Weg zum See geeignete Hölzer zu finden. Wenn Luna eines gefunden hat, verstecken wir es nach dem Spielen immer im Dickicht neben dem alten Boot. Das ist ein großer Schatz! Wenn Wiki mitspielt und den Stock erwischt, trägt er ihn weg und frisst ihn auf. Spielverderber! Als gäbe es nichts zu essen bei uns!

Brot zum Beispiel. Unter Vortäuschung tiefster Zuneigung und größter Wiedersehensfreude springt Wiki auf meine Frau zu, die gerade mit Baguette unterm Arm von Bäcker kommt. Anstatt sie zu begrüßen, reißt er im Vorbeifliegen ein halbes Brot ab und verschwindet damit unterm Auto.

Zurdem führen wir das Betteln am Tisch wieder ein. Es klappt auf Anhieb hervorragend. Um nicht als pädagogische Nullen dazustehen, sagen wir jedesmal, bevor die Hundis mit Abendbrotwurst vollgestopft werden, konsequent den Satz: „Ich kann dir doch nichts geben, wenn du am Tisch bettelst. Das weißt du doch.“

Auf unserem abwechslungsreichen Speisezettel stehen außerdem tote Natter, alter Fisch, Sonnenmilcharme (wie gehabt) und schwäbische Gulaschsuppe. Eines schönen Tages lässt Wiki Luna mitten im schönsten Zerrspiel stehen, rast 150 Meter den Strand entlang und bezwingt dann im Alleingang eine fünf Meter hohe Lehmklippe. Drei Anläufe und mehrerer blaue Flecken braucht es, dann ist er oben und am Ziel seiner Wünsche: Zwei Esslinger kochen da Dosensuppe. 

Wir nehmen es als Zeichen. Offensichtlich ist das Verlangen nach heimischer Küche groß. Höchste Zeit nach Hause zu fahren.






© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2011

Kommentare:

  1. Na, das klingt ja nach einem sehr erholsamen Urlaub. ;)
    Da freut man sich doch auf sein Zuhause und all die netten Krauses, denen man die Urlaubserfolge mit Sicherheit nicht erzählen wird.

    Willkommen zurück in Good Old Germany!

    Fly und Hundemama Sandra

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  2. Hi Luna, endlich wieder lesen und herrlich informiert sein über die Zeit bevor das Heimweh von Wiki immer größer wurde....
    Schön, dass ihr alle wieder da seid und es jetzt neuen Stoff gibt....
    Wuff und LG
    Aiko

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  3. Endlich kriegen wir hier mal wieder was zu lachen. :))) Meine Lieblingsfarbe ist übrigens auch grün. Darum trag ich meistens Jeans. Für ein grünes BamBam-Geschirr hat es nach dem roten nicht mehr gereicht. *soifz* Aber rot steht ihm gut.

    Und das mit den Winzlingen ist wirklich ein Problem, dass die alle so kackfrech sind. Aber es soll auch beim Menschen diese Selbstüberschätzung bei den Kleinen geben. ;)

    Wir üben auch wieder Radfahren. Aber einen Bravhund wie das BamBam kann man zum Glück frei laufen lassen, da verknotet sich nix. Mit 2 angeleinten Hunden grenzt das m.E. an einen Selbstmordversuch. Aber nach deinen ganzen Stürzen trägst du sicher schon Knie- und Ellenbogenschoner beim Radeln und auch dem Kopf ne Taucherglocke. Muss lustich aussehen. :)

    Willkommen zuhause. Im eigenen Bett schläft man immer noch am besten.

    BamBam und sein wirrköpfiges Frauchen

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  4. .... ROT!!!! Habt ihr denn noch keinen Krause getroffen der euch erklärt hat, dass ROT aggressiv macht?!?!?! Tz, tz, tz....
    Ich kann euch aber auch sagen, dass es trotz blauen Halsbandes, schwarzen Geschirrs, oder ganz "nackt" auch nicht besser wurde....

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  5. Ach ja, schön, dass es nach dem Buch weiter geht.

    Aber ich mach mir Sorgen: Da steht: "40 Kilo Luna, 17 Kilo Wiki, 100 Kilo Fahrrad, 10 Kilo ich" - Kein Wunder, dass es mit dem Radfahren schwierig ist - wenn der Hundeführer derartig unterernährt mit schwerem Gerät durch die Lande pedalrittert.

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  6. Ein lautes Wuff an die Krawallmaus und ihren Bücher-schreibenden-Zweibeiner!

    Seit Tagen schon überlege ich, ob ich euch schreiben soll, aber nun muss es sein...
    Mein Frauchen hat vor einiger Zeit das Buch „Herrchenjahre“ geschenkt bekommen. Es fing schon direkt nach dem Auspacken an, dass mein Frauchen meinem Herrchen jede Menge Begebenheiten daraus laut vorlas. Sie hörte gar nicht mehr damit auf... und so bekam auch ich alles, was in dem Buch steht, ganz genau mit.
    Die Sache war mir, mit meiner Super-Spürnase, ganz schnell völlig klar: Das Buch handelt von mir und meinem Frauchen!!! Bingo! Na, das hättet ihr wohl nicht gedacht, dass ich das soooo schnell herausfinde und euch auf die Schliche komme....
    Ich muss zugeben, ganz schön clever mich LUNA und nicht BALU zu nennen und aus meinem Frauchen kurzerhand ein Herrchen mit Fahrrad zu machen. DAS Fahrrad brauchen wir nämlich gar nicht, bei Frauchen klappt das auch ohne... Beim Alter habt ihr ja nicht geschummelt, aber aus mir gleich einen Schäferhund-Mischling zu machen, nur weil ich keinen Stammbaum bis Anno-interessiert-mich-doch-nicht habe, tz,tz,tz.
    Und den Schutzdienst, den habt ihr uns noch angedichtet, dafür hatten wir doch die Psycho-Krause, grrrrr.

    ABER, und das macht mich wirklich stutzig: Woher wisst ihr all diese Sachen von uns???
    WIE habt ihr es geschafft uns soooo genau zu beobachten???
    Hmmm, das gibt mir echt zu denken.

    Sollte es euch also doch geben? Kann es wirklich so sein, dass es noch jemand wie uns gibt???

    Ein nachdenkliches Wuff an den Zweibeiner und dicke Knuddler an die Krawallnudel von Balu

    P.S. Als Mail war es zu viel Text... hoffe es funzt hier.

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  7. Hallihallo, schön, dass es wieder was zu lesen und zu lachen gibt.

    Frauchen hat mir und kleinem Frauchen(12) im Urlaub die "Herrchenjahre" vorgelesen und wir haben ganz viel gelacht.

    Wir hatten im Urlaub zwar nicht so viel Stress mit 4beinigen Zwergen, dafür mit 2beinigen, die von ihren Eltern erzählt bekommen haben, dass ALLE großen Hunde beißen, ALLE schwarzen Hunde Kinder fressen und ALLE Hunde, die einen angucken, nur nach der richtigen Stelle zum Zubeißen suchen.

    Nun bin ich groß, schwarz und liebe alle Menschen, also gucke ich sie immer total nett an. Und weil es warm war, habe ich dabei gehechelt und dann sieht man meine Zähne........

    Ich hab seit heute wieder Schleppleine verordnet, weil ich ein Kaninchen gejagt und einen Vogel gefangen und angefressen habe :-(( Da hat Frauchen kein Verständnis. Dabei habe ich ihr den halb durchgematschten Vogel sogar überlassen. Menschen!

    Ich freu mich aber schon auf Frauchens Segelflugversuche im nassen Herbstgras, weil ich so toll mit der Schleppleine um sie herumrenne.

    Euch ein gutes Wieder-zu-Hause-sein und einen schönen Herbst.

    Mette und Frauchen

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  8. Schön, dass ihr wieder da seid!
    Was die Begegnung mit Handtaschenhunden angeht, da habt ihr vollkommen Recht. Allerdings hängen die bei uns in Norddeutschland immer an langen, dünnen Flexileinen, die wiederum von Frauen mit hysterieschen, dünnen Stimmchen gehalten werden. Und dabei wollen unsere Hunde doch bloß spielen.....

    nase

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  9. Na das hört sich doch naqch einem rundherum gelungenen Urlaub an - es geht soch nichts über richtig gute Erholung!
    LG, Enya

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