Montag, 27. Juni 2016

Austherapiert.




Zusammengerechnet versuche ich jetzt seit 17 Jahren, meine zwei Problemhunde gesellschaftskompatibel zu machen. Sie nehmen es mir nicht übel. Ganz offensichtlich leben sie gerne mit einem Totalversager zusammen. Meine Bemühungen quittieren sie mit entspannter Haltung (siehe oben) und einem betont lässig dahingeworfenen: „Gefügig? Wotzefack!“

Ich habe meine Hände mit Blutwurstgrütze eingerieben und mich in der Baumschule zum Affen gemacht. Ich habe gejohlt und gezerrt, als erster aus dem Napf gefressen und die Hunde beim Treppensteigen hinter mich gezwungen. Ich habe stillgestanden wie ein Laternenpfahl und endlose Minuten gewartet, bis der Hund von selber das Pöbeln einstellt, weil ich Fehlverhalten nicht korrigieren, sondern nur das Positive verstärken durfte.


Ich bin 20 Kilometer Fahrrad gefahren, weil ein Krause auf körperliche Auslastung als Allheilmittel bestand, und habe die Erfahrung gemacht, dass bei Kilometer 21 die Pöbelstärke um kein einziges Dezibel abnimmt. Ich habe über Wochen am maulkorbabgesicherten, beuteaggressiven Kleinhund gearbeitet, bis alle Bindungsübungen im Konfliktfall hundertprozentig funktionierten, nur um festzustellen, dass er mich wieder in den Arsch beißt, sobald der Maulkorb ab ist.

Ich habe die raffiniertesten Jokerleckerchen zubereitet und im Erregungsfall keine Erfolge damit erzielen können, weil selbst in Fischpanade ausgebackene Demeterfleischbällchen einen Dreck interessieren, wenn Gisbert von gegenüber plattgemacht werden muss.





Wie es weitergeht? Ganz einfach: Gar nicht. Es ist wie es ist und so bleibt’s. Ich doktere nicht mehr an den Hunde herum, weil ich sie anders haben will. Ich habe gute Managementmaßnahmen im Köcher. Das muss reichen.

Auf hundereichen Strecken wird angeleint, im Waldstücken erst gar nicht abgeleint. Das gilt für beide Jagdsäue. Wer Bambis Mama umbringen will, ist ein empathieloser Arschkeks. Der kriegt kein jahrelanges Antijagdtraining spendiert, sondern den Freiraum eingeschränkt. So sieht’s aus. Das Leben ist kein Ponyschlecken.

Bei Hundebegegnungen kommt Luna in den Dodillet’schen Schwitzkasten. Der funktioniert hervorragend. Sobald sie ausflippen will, werde ich zum Schraubstock und halte sie fest. Wir verschmelzen quasi zu einem Bild des Friedens. Äußerlich. Innerlich ist Krieg. Aber das sieht ja keiner. 

Ansonsten gilt: Luna mag nicht jeden und soll nicht jeden mögen müssen. Wenn ich ehrlich bin, wünschte ich so manches Mal, ich verfügte über ihre absolute Klarheit und Konsequenz im Umgang mit unbelehrbaren Vollidioten. Ich wäre der Knaller auf AfD-Parteitagen.

Bei Wikis beutekonfliktgesteuerten Wutanfällen liegt es an Triggerbildern aus der Prägephase. Die könnte man jetzt löschen wie in der klassischen humanen Traumatherapie. Dazu müsste ich vierzehntägig nach Norddeutschland fahren. Da regnet’s immer und die A2 ist verstopft. Das ist doch nicht schön. Da lassen wir es lieber darauf ankommen. Wenn er ausflippt und ich trage zufällig meine ledernen Wanderschuhe, gewinne ich. Wenn ich Flip-Flops anhabe, gewinnt er. In allen anderen Fällen halte ich mich an Lunas Empfehlung: „Lass ihn fauchen! In fünf Minuten hat der Pfosten eh wieder vergessen, worum es ging.“ 

Bei Familientreffen, wo Kleinstnichten und -neffen gelegentlich Kuchen auf den Boden fallen lassen, bleibt der Meister im Büro oder kriegt eine schöne Zahnspange aus dem Sortiment von chic & scharf umgeschnallt. Manchmal sind Hunde eben wie sie sind. Dann ist respektvolles Miteinander der bessere Weg als riskantes Umkonditionieren. Zerbissene Kindergesichter aus falschem Hundehalterehrgeiz – was soll der Scheiß!

Damit meine ich auf keinen Fall, dass ihr eure Hunde nicht erziehen oder euch nicht um ihre Defizite kümmern soll. Ich sage nur: Verbiegt sie nicht! 

Zum ersten Mal begleiten meine Hunde mich einfach nur durch mein Leben anstatt rücksichtslos die erste und zweite Geige zu spielen. Das schont meine Nerven und sorgt dafür, dass die Krawallmaustagebücher in letzter Zeit genauso entspannt auf der faulen Haut liegen wie der Hund da oben. Eingeweihten ist diese leidige Nebenwirkung bereits aufgefallen. Ich kann es nicht ändern. Es ist ruhig geworden, ich genieße das. Es schafft Zeit und Raum für Neues. 

Als neulich jemand fragte, ob ich nicht mal einen Hundetrainer umbringen möchte, musste ich deshalb auch nicht bedauernd abwinken und „Leider keine Zeit, ich muss mit den Hunden üben“ murmeln, sondern konnte frisch von der Leber weg zusagen. Man ist ja gern behilflich.

Hartmann und der böse Wolf erscheint im Frühjahr 2017 bei Bastei Lübbe. Der wird euch Spaß machen. Nicht nur, weil Hartmann einen Schäferhundbeagle hat, der Gitte-Bruno heißt.









© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2016 | Herrchentrubel, Heyne Verlag 2016 | Hartmann und der böse Wolf, Bastei Lübbe Frühjahr 2017







Kommentare:

  1. Ein entspanntes Miteinander ist das wirklich das beste was man sich wünschen kann. Ich gratuliere euch zu eurer Haltung :-) Ich denke auch, dass ein Verbiegen bis ins kleinste Detail mehr kaputt macht, als auch Dinge zu akzeptieren und damit bewusst um zu gehen.
    Klasse...auch wenn es weniger Krawall-Lesestoff bietet ;-)
    viele Grüße
    Sandra und Aaron

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  2. Ach, also so rein statisch gesehen bist du doch voll im Soll. Es fehlt nur noch ein Post im Juni, dann käme das Blog rein rechnerisch betrachtet auf die 16 vom Vorjahr.

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  3. Junge, Du wist alt ... (Ich auch, und das ist so entspannend...) Liebe Grüße, Claudia

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  4. Wenn nur mehr Hundehalter wie Luna-Wiki-Herrchen dächten, vielleicht gäb's weniger Gequengel allerorten...Seine Knalltüten mögen und sie verantwortungsvoll managen - find ich gut :-) Liebe Grüße, eine Krause ;-)

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  5. Tatsächlich haben mir Deine Bücher geholfen, sehr viel relaxter mit meinen Hunden umzugehen! Dank der Empfehlung einer Freundin vor einem Jahr und Deinen Büchern habe ich diesen Zustand bereits vor ca. 11 Monaten erreicht :-) Und außerdem sind es bei mir nur 15 + 25 Kilo. Es war sehr beruhigend zu wissen, schlimmer geht immer.

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  6. Wie wäre es ne Selbsthilfegruppe zu gründen?

    Ich denke mal das wir mindestens mehr Anhänger haben als Mario Bart im Olympia Stadion hatte.

    Leider bis jetzt nur ein Buch gelesen. Aber ich hab gemerkt. Das ist der richtige Weg. Meine Kinder lassen sich nicht steuern, warum sollten es die Hunde dann tun?

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