Montag, 28. März 2016

¡Hola! Hammelhoden mit Henna-Tattoos.




„In Barcelona werden 234 Sprachen gesprochen“, freut sich unser Taxifahrer, als er mit siebzig Sachen Richtung Sagrada Familia brettert. Er hat eine eigene Spur, auf der er alle weghupen darf. „Darum ist diese Stadt auch so lebendig.“ 

Zur selben Zeit grinst der Deutsche-Welle-Moderator Tim Sebastian einer versteinerten Frauke in ihr miesepetryges Gesicht und sagt: „Countries are melting pots in these days, aren't they?“ Und sie so: „Yes, but ... äh ...“


Nix yesbutäh. Genau das sind sie! Und das ist auch gut so. Ausgrenzen, einigeln und abschotten führt nur dazu, dass wir alle im eigenen Nationalsaft schmoren. Das mag hin und wieder eine ordentliche Bratensauce ergeben. Aber wer mag schon jeden Tag Bratensauce?

Das pulsierende Leben hat Barcelona natürlich nicht nur den 234 Sprachen zu verdanken. Die 234.000.000.000 Bars tragen auch ihr Scherflein dazu bei. Um neun Uhr abends brennt kaum ein Licht in den Häusern und Wohnungen der Stadt. Die Menschen sind draußen. Tapas, Vino, Cerveza, reden und schweigen, verstehen und streiten, über Gott, Allah und die Welt, unter Sonne und Mond.

Überhaupt gehen Barcelonerinnen und Barceloner nach Feierabend in den seltensten Fällen direkt nach Hause, sondern immer erst in die Bar. Und genau genommen geht man morgens auch von der Wohnung nicht stracks zur Arbeit, sondern ...? Genau! Wieder in die Bar. Die serviert dann statt Cava halt Cafe solo und Cafe con leche, Pa amb tomàquet, ein hastiges Hörnchen oder Pan mit Queso und Iberico. Der Schinken darf gern auch 110 Euro pro Kilo kosten. Wir leben alle nur einmal. Nörgeln ist verschenkte Lebenszeit. Ärgern macht hässlich.




Ohne Visionäre wie Antonio Gaudí wäre unsere Welt ein finsteres Loch.
Der Grottenolm würde sich wohl fühlen. Aber der mag ja auch Bratensauce.


Diese Woche in Barcelona ist unser erster Urlaub seit elf Jahren ohne Hunde. Das fühlt sich gar nicht mal so schlecht an. Ach was, es ist – ihr dürft jetzt Blechnäpfe nach mir werfen – ganz großartig!

Nehmt nur mal diesen Nachmittag! Wir stehen an einem zum Stehtisch umfunktionierten Fass einer verheerenden Kneipe am Mercat de la Boqueria. Der Wirt hat mit einem einzigen Wisch seines nackten Unterarms den Bierschmand von der Tischplatte geschoben. Dem seligen Wanken nach zu schließen ist er sein bester Kunde, der Kompagnon sein zweitbester. Trotz 2,34 Promille gelingt es ihnen, geeiste Cava-Gläser tropf- und unfallfrei bis einen Millimeter unter den Rand zu füllen. 

Ein Streuner läuft vorbei. Lunas Abwesenheit fällt sofort positiv auf. Keiner kickt mir mit dem Schädel das Glas aus der Hand, reißt das Fass um und bellt die Straße in Grund und Boden. So also fühlt sich entspanntes Gastronomieren an. Wunderbar! Ein ¡Salud auf die beiden sturzbetrunkenen Therapeuten.

Direkt hinter uns leuchten die Marktstände der Boqueria-Metzger. Drei verkaufen ausschließlich Schinken, Schinken und Schinken. Drei weitere vertreiben alle Sorten Fleisch von Wachteln bis Wagyū-Beef. Etwas abseits liegt die innere Abteilung: Köpfe, Kutteln und Klöten. Spätestens jetzt würde Wiki die Nerven verlieren und jeden verfluchten Sauhund angreifen, der an dieses Gekröse will. Bei ungefähr 234.234 Marktbesuchern pro Monat hätte er alle Zähne voll zu tun. Aber – diabolisches Harr Harr – er ist ja nicht da.

Am Nebentisch steht einer, der aussieht, als hätte er Wiki bereits kennengelernt. Von ursprünglich zehn Fingern besitzt er nur noch zwei halbe Daumen. Mit denen raucht und trinkt er. Später schiebt er damit eine Sackkarre voller Fischkisten durch den Mercat. Leider kann auch er die Frage nicht beantworten, warum Hammelklöten (siehe unten links) mit ihren ziselierten Maserungen aussehen, als hätte die werte Metzgersgattin eigenhändig ein Henna-Tattoo aufgebracht.



Der Barceloner speist immer spät und manchmal auch wunderlich.
Man will lieber nicht wissen, was genau da gerade so lecker schmeckt.

Wer sich ebenfalls einem hundefreien Therapieurlaub hingeben möchte, dem sei TiNO wärmstens ans Herz gelegt. In Ute Heberers Tierheim mit angeschlossener Pension darf man seine emotionsflexibel veranlagten Andersbefähigten abgeben und in aller Seelenruhe verreisen. Für die Gäste wird ein kleines Chalet mit Fußbodenheizung, üppigem Freilauf und interessant riechenden Ecken bereit gehalten. (Logenplatz mit freiem Blick auf die Raufergruppe ohne Aufpreis.)

Die Menschen bei TiNO sind freundlich, sehr erfahren und lassen sich auch von futteraggressiven Knallköpfen nicht verladen. Außerdem werden dort Lunas zu Lämmern. Dafür gibt es Zeugen.

Wer keinen Hund hat, darf selbstverständlich auch gern vorbeischauen. Vielleicht verknallt er sich ja in einen Baloo oder einen Dick. Dann hat er endlich was, weswegen er zehn Jahre später in Therapieurlaub muss.



Heimkommen ist etwas sehr Schönes. Sofern man das Glück hat,
in einem Land leben zu dürfen, das einen am Leben lässt.


Wie gesagt, sonnengesättigte Barcelonatage ohne Hunde sind ganz wunderbar. Nur an den Abenden wird es richtig, richtig, richtig doof. 

Wenn dir beim Heimkommen keiner wedelnd entgegen rennt, wenn dich vor dem Kühlschrank keiner gierig anschmachtet, wenn neben deinem Bett keiner schnauft und schnuffelt – nein, das ist kein Leben!



© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2016 | Fotos © Andreas Frank von den Kochzivilisten





Kommentare:

  1. Da wird mal nicht über Hunde geschrieben, und schon nimmt daran niemand einen Anstoss. Ich jedenfalls geb einen Toast mit Vollkornweißbrot darauf, aber bio und mit Tofu-Wurst auf die Margarine, vollvegan eventuell (da kenne ich mich nicht so mit aus, ich esse weder das eine noch das andere).

    AntwortenLöschen
  2. Ohhhhh ......also immer alles haben wollen geht nicht - geht einfach gar nicht - entweder oder......wie mir das bekannt vorkommt - immerhin - auch die Lachmuskeln zeigten spontane Reaktionen.

    AntwortenLöschen
  3. Bedauerlicherweise nimmt TiNO während der Bauphase definitiv keine Hunde ohne Vitamin B in Pension. Hatte für Dez16 und Okt17 angefragt und eine abschlägige Antwort erhalten. Schade, die drei Tage zwischen Lesens dieses Blogs, der sofortigen Anfrage und der heutigen Absage war ich tatsächlich der träumerischen Hoffnung verfallen, endlich mal wieder nach UK fliegen zu können. Und wir waren auch schon im Rauferkurs, kenne also Ute ein bisschen...

    AntwortenLöschen
  4. Wahrs. für dieses Jahr zu spät, aber für nächstes Jahr, eine sehr gute Alternative: http://www.hundezentrum.de/de/hundepension/bring-und-abholzeiten.html

    AntwortenLöschen

Krawallkommentare sind verboten. Es sei denn,
sie kommen von euren Hunden. :o)