Sonntag, 13. Dezember 2015

Workout am Schälchen.



Der Alukätzchenfighter. Teil 3: Workout am Schälchen.



Wir haben einen Arsch voller Hausaufgaben bekommen. Zehn Minuten pro Tag sollen wir um die Alukatze herumturnen und im Konflikt zueinander finden. Mindestens vier Mal pro Woche! Die Krauses waren zuversichtlich. Zum Abschied haben sie alle beruhigend mit den Augen gekniept, den Kopf gewiegt und gesagt: „Gut machst du das!“ – „Das wird schon!“ – „Ihr schafft DAS!“

Alukatzen-Workout. Tag 1.
Jetzt stehe ich hinter dem Haus neben unserer ersten eigenen Alukatze. Luna hat sich im sicheren Abstand unter einem schattigen Baum auf den Rasen gepflanzt. Ich schaue Wiki an. Er guckt zurück und wedelt mit dem Schwanz. Dieser Hund sieht aus, als hätte er nicht den leisesten Zweifel daran, dass er DAS schafft. „Ich glaube, wir fangen morgen an“, sage ich, nehme ihm das Maulkörbchen ab und lasse ihn kommentarlos die Alukatze leerschleckend.

Alukatzen-Workout. Tag 2.

Ich habe mir in Gedanken genauestens zurecht gelegt, was ich heute tun und erreichen will. Das ist ja ein beliebtes Credo vieler Krauses: Sei im Kopf auf alles vorbereitet, dann kannst du überlegt reagieren und machst keine spontanen Fehler. Los geht’s! Wiki auf den Rasen setzen. Alukatze öffnen und fünf Meter weiter weg platzieren. Neben der Alukatze aufstellen. Wiki rufen. Er soll zu mir kommen und mit mir Augenkontakt aufnehmen. Mit mir! Nicht mit der Alukatze! Wiki kommt und nimmt mit der Alukatze Augenkontakt auf.

Ich lege meine Hand auf Wikis Kopf, streichle ihn sacht und warte, was passiert. Die Hand auf dem Kopf dient dem Kontakt im Konflikt. Das Streicheln soll ihn erkennen lassen, dass keine Bedrohung zu erwarten ist, sondern nur ein Mensch neben ihm steht, der ihm nichts Böses will. Laut Lehrbuch müsste Wiki nach einer kurzen Bedenkzeit, in der es in seiner kleinen Murmel rattert wie beim mündlichen Abitur, den Kopf nach oben drehen und mich anschauen. Angepisst oder freundlich, ganz egal. Die Stimmung spielt keine Rolle. Hauptsache, er starrt nicht mehr die Beute an, sondern mich. Wie sich herausstellt, hat Wiki das Lehrbuch nicht gelesen. Er hypnotisiert unbeirrt die Alukatze und faucht. Rrrrrrrrrrrrrrrr! 

Alukatzen-Workout. Tag 3.
Ich lege meine Hand auf Wikis Murmel und warte, was passiert. Er hypnotisiert die Alukatze und faucht. Rrrrrrrr!

Alukatzen-Workout. Tag 4.
Ich lege meine Hand auf Wikis Murmel und warte, was passiert. Er hypnotisiert die Alukatze und faucht. Brrr!

Alukatzen-Workout. Tag 5.
Ich lege meine Hand auf Wikis Murmel und warte, was passiert. Er hypnotisiert die Alukatze und faucht. Rr!


„Rrrrrrrrrrrrrrrr!“ – „Rrrrrrrr!“ – „Brrr!“ –  „Rr!“

Alukatzen-Workout. Tag 6. 
Ich lege meine Hand auf Wikis Murmel und warte, was passiert. Er nimmt den Kopf hoch und schaut mich an! Ich hopse vor Freude durch den ganzen Garten.

Alukatzen-Workout. Tag 10.
Wir tanzen um unser Alukätzchen wie die Tango-Weltmeister. Ich gehe mit Wiki hin, ich gehe mit ihm weg. Er läuft, den Blick auf mich gerichtet, ohne zu zögern über die Alukatze, wenn ich ihn zu mir rufe. Ihn lasse ihn neben der Alukatze sitzen und entferne mich langsam. Er hält meinen Blick. Er hält ihn auch noch, als ich wieder auf ihn zu laufe und mich neben ihn stelle. Ich lege ihm meine Hand auf den Kopf und schiebe das Schälchen mit dem Fuß unter seiner Nase weg. Wiki guckt das Futter nicht mit dem Hintern an. Immer wenn er meinen Blick sucht, mache ich es ihm ganz wohlig. Das ist wahrscheinlich alles nur Zufall.

Alukatzen-Workout. Tag 13.
Trainingsfrei. Wir schauen zur Entspannung etwas YouTube und danken dem Herrn, dass wir nicht an eine Gundula mit einer Schwäche für intermediäre Brücken geraten sind. Allein die Vorstellung, 12 Monate lang auf meinen Krawallhamster einsingen zu müssen, damit er sich in seiner katatonischen Starre über der gemopsten Chipstüte wohler fühlt, verursacht bei mir chronisches Zucken um die Mundwinkel.





Unverdrossen summen sie auf YouTube Lalala beim Zahnsteinentfernen und Mimimi beim Fußlaufen, Jajaja beim Hinlegen und Wulliwulli beim Duschen. Vorsichtshalber ist bei der Mehrzahl aller Videos die Kommentarfunktion deaktiviert worden. Das ist vernünftig.

Alukatzen-Workout. Tag 15.
Es ist kein Zufall! Sein Verhalten hat sich grundlegend geändert. Wenn Wiki etwas in Besitz genommen hat, starrt er nicht mehr auf das, was zu seinen Füßen liegt, sondern auf den, der vor ihm rumsteht. Der Dummrumsteher darf jederzeit an seine goldene Seite treten, ohne dass er knurrt wie der Hund von Baskerville. Geräusche macht er schon noch. Es ist aber eher so ein harmloses Brummen. Wie Frau Mahlzahn, wenn man nicht aufrecht in der Schulbank sitzt.

Vorbei die Zeiten von Butterjudo und Mauselochkarte  Friede, Freude, Alukatze! Morgen kommt der Maulkorb ab.

Alukatzen-Workout. Tag 16.
Freudig stelle ich die Alukatze auf die Terrasse. Die Handykamera ist installiert. Den Film werden wir auf Facebook hochladen. Nadin und die Seminarkrauses sollen alle sehen, wie gut wir die Futteraggression gemeistert haben.

Ich nehme eine lässige Hollywoodpose ein und rufe Wiki zu mir. Er rennt an mir vorbei direkt zur Alukatze und frisst sie komplett leer. Als ich neben ihn trete und ihm beruhigend die Hand auf den Kopf lege, flippt er total aus und beißt mir volle Lotte in meinen yakledernen Sicherheitsschuh.

Alukatzen-Workout. Tag 17.
Maulkorb ist wieder drauf!

Alukatzen-Workout. Tag 22.
Mein Hund spult gemeinsam mit mir in aller Friedfertigkeit unsere Übungen ab. Bilanz nach zehn Minuten: ein Null-Fehler-Ritt über den Parcours.

Für einen wie mich, der mit beiden Beinen fest auf dem Schlauch steht, ist dieser Hund einfach zu schlau. Sobald ich ihm den Maulkorb aufsetze, weiß er genau, welches Verhalten an der Alukatze verlangt wird und macht alles, was ich will. Ich muss nicht mal sprechen. Schon geringste Körpersignale genügen, und der Meister läuft wie am Schnürchen. So macht das Training einfach keinen Sinn mehr. Frustriert werfe ich das Drahtgestell in die hinterste Ecke des Kellers.

Ein Krause hat mal gesagt, manchmal müsse man volles Risiko fahren, um zu wissen, wo man stehe. Das werde ich tun. Gleich morgen früh. Am nächstbesten Mauseloch!





(Der Alukätzchenfighter Teil 4: High Noon am Mauseloch)
(Der Alukätzchenfighter Teil 1: Maulkorb Dackel fünf)
(Der Alukätzchenfighter Teil 2: Klare Ansage)




© Michael Frey Dodillet,  Der Alukätzchenfighter

Auszug aus Herrchentrubel, Heyne Verlag München, Mai 2016









Kommentare:

  1. Könntet ihr nicht den Maulkorb langsam abarbeiten? Erst Halti, dann nur noch ein Riemchen, welches du hinter den Ohren schliessen kannst. Mit diversen Zwischenschritten, ähnlich wie beim Schleppleinentraining, wo die Leine stückweise verkürzt wird, so dass sie am Schluss nur noch als Karabiner am Halsband hängt...?
    Weisst du wie ich das meine? Einfach dass der Unterschied zwischen Maulkorb drauf und nackig nicht so gross ist, für den cleveren Kerl mit seinen Strahlezähnchen.

    Weiterhin gutes Gelingen und liebe Grüsse
    Tanja

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  2. Sorry - ich sehe gerade, dass es Auszüge aus dem neuen Buch sind... also wird das Training bereits durch sein.
    Na da bin ich auf die weiteren Alukatzenteile gespannt! ;)

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