Donnerstag, 10. Dezember 2015

Maulkorb Dackel Fünf.



Der Alukätzchenfighter. Teil 1: Maulkorb Dackel fünf.

In ihrem Buch Wir müssen reden schreibt Nadin Matthews augenrollend: „Es gibt Kundinnen, die kommen in die Beratung und bringen ein paar Leute mit: Cesar Millan, Martin Rütter, andere Hundeprofis und mindestens zwanzig Hundehalterinnen aus einem Internetforum. Alle haben etwas zu sagen, nur die Kundin ist kaum noch zu verstehen.“ 

All das habe ich bei unserem ersten Treffen auch dabei. Genauer gesagt: eine zerkaute Wasserpistole, die den Beuteverteidigungsvorgang zu keiner Zeit wirksam unterbrochen hat, weil sowohl Dr. Jekyll als auch Mr. Hyde Wasser sehr gerne mögen. Einen angebissenen Mittelfuß, weil man einen fauchenden Wiki im Verteidigungsfall besser nicht nach Cesar’s Way mit der flachen Flip-Flop-Sohle in die Flanke stupst. Meine zerbeulte Rappeldose, die hervorragend funktioniert, aber leider nie zur Hand ist, wenn ich sie brauche. Eine Familie, die hinter mir steht, allerdings nur um Dampf zu machen, sowie eine wild fantasierende Facebookgruppe, die meine Hunde adoptieren und mich vierteilen möchte. 




Hundetrainerinnen im professionellen Austausch.


Die Ratschläge aus dem Hundeforum behalte ich für mich. Nadin muss ja nicht jeden Idiotenkreis kennenlernen, in dem ich mich herumtreibe. So richtig gute Tipps waren auch nicht dabei. Nach einer tagelangen Aufwärmphase, in der ausgiebig darüber diskutiert wurde, warum es unbedingt sein müsse, dass man einem Hund das Essen wegnehmen könne, man selber werde ja auch grantig, wenn einem die Pizza unter der Nase weggezogen würde, führten nur noch diejenigen das große Wort, die noch nie einen futteraggressiven Hund zu Hause hatten.

Sie glaubten, das glückliche Beisammensein rund um den Futternapf läge an ihren Führungsqualitäten und nicht am friedfertigen Charakter ihres Hundes. Was für ein Quatsch sei das denn, schrieb ich zurück. Luna könne ich den Rinderknochen aus der Schnauze winden und sie sehe mich dabei so treuherzig an, als liebe sie mich auch noch dafür. Aber selbst dieser Hinweis brachte die Diskutanten nicht von ihrer messerscharfen Diagnose ab, ich hätte eine miese Bindung zu meinen Hunden und könne mich nicht angemessen durchsetzen. 







„Diesen ganzen Blödsinn schmeißen wir jetzt einfach mal über Bord“, sagt Nadin. „Was ist dein Ziel?“

Jetzt nur nicht lumpen lassen, denke ich. Warum sich mit kleinteiligen Zwischenschritten aufhalten? Am besten gleich nach den Sternen greifen. 
„Er soll mit Knurren aufhören, sobald er mich sieht“, fantasiere ich fröhlich. „Auf Entfernung also. Falls das nicht klappt, käme ich natürlich auch damit klar, wenn ich das Fauchen durch Handauflegen verschwinden lassen könnte. Eins von beiden sollte es aber schon sein.“
„Vielleicht noch Wasser in Wein verwandeln?“, will Nadin wissen, während sie sich auf den Boden kniet und darauf wartet, dass Wiki neugierig angetrabt kommt. „Mal sehen, was dein Hund dazu sagt.“

Es sind besondere Momente, wenn Nadin sich mit Hunden unterhält. Viel Bewegung ist nicht zu sehen. Sie legt Wiki die Hand auf die Seite und zieht ihn zu sich. Mehr als einen federleichten Druck spürt er nicht. Er findet das trotzdem blöd und sucht nach Auswegen. Der Fachmann, also jeder außer mir, spricht von Exitstrategien. Wiki antwortet mit seiner Lieblingsexitstrategie: nach vorne abtauchen und wegrennen. Nadin lässt das nicht zu und hält ihn sanft an der Brust zurück. 

Exitstrategie Zwei – Po auf den Boden drücken und abwarten, was als Nächstes passiert – funktioniert ebenfalls nicht. Nadin stützt seinen Hintern, er kann sich nicht setzen. Strategie Nummer drei ist sein letztes Mittel: auf den Rücken werfen, Babygesicht machen und Bauch kraulen lassen. Auch das klappt nicht. Nadin will, dass er den Kinderkram lässt und erwachsen bleibt. 

Nach zwei Minuten steht Wiki immer noch auf allen Vieren und spürt den leichten Zug hin zu Nadin. Ich sehe förmlich, wie es hinter seiner Stirn rattert. Er drückt gegen ihre Hand, rudert noch ein bisschen vor und zurück. Nach drei Minuten lässt er es geschehen und sinkt brummend auf ihren Schoß. Na gut, scheint er zu denken, mach’ ich’s halt. Aber nur ausnahmsweise, weil Sonntag ist und die Sonne scheint.

Der zweite Teil ihrer Unterhaltung sieht von weitem genauso aus. Mit dem Unterschied nur, dass Nadin Wiki nicht zu sich zieht, sondern fast unmerklich von sich weg drückt. Im ersten Moment sind Wikis Antworten dieselben wie vorher: Strategie eins, zwei, drei. Als er damit wieder nicht durchkommt, wird er steif wie ein Brett, reckt den Hals, formt die Augen zu Schlitzen, fixiert Nadin über den Nasenrücken und beginnt drohend zu knurren. Im Gegensatz zu vorher kein Na gut, mach’ ich’s halt, sondern ein klares Drück weiter, du Ziege, und ich hack dir in die Finger. Er bewegt sich keinen Millimeter von Nadin weg.

„Was war das denn?“, staune ich.

„Denk mal an die Butterkotze“, sagt sie. „Du hast erzählt, dass du ihn nach einer gewissen Zeit von der Stelle, wo das Zeug liegt, abrufen kannst und er dann zu dir kommt. Willst du ihn hingegen wegschicken, dann knallt's. Das hier war im Grunde dieselbe Situation. Nur im Kleinen. Ich kann ihn zwar zu mir ziehen, aber wegdrücken kann ich ihn nicht.“

Sie erhöht den Druck auf Wikis Seite ein bisschen. Sein Knurren wird lauter. „Wenn ich jetzt weitermache, wird er aggressiv.“

Ich gebe zu, dass mich der Gedanke, bei unserer kleinen Wundertüte mit nur einer winzigen Bewegung den Beißreflex auslösen zu können, nicht sonderlich beruhigt. Jetzt bloß nicht zusammenklappen, denke ich. Kernig wirken, Tatkraft ausstrahlen, Testosteron versprühen. Sonst merkt der noch was.

„Dann gehen wir das Problem mal an!“, schnarre ich. „Äh, w-wie genau?“
„Das muss ich mir noch überlegen“, sagt Nadin. „Als Erstes muss er lernen, jemanden in diesen Situationen neben sich zu dulden.“
„Also mich?“
„Ja, erstmal dich.“
„P-prima. Und wie?“
Wir sehen den Herren Jekyll und Hyde hinterher, die fröhlich aus der Küche in den Garten hopsen und gemeinsam einen Zitronenfalter aufs Korn nehmen. 
„Wir arbeiten mit der Alukatze.“ Nadin denkt laut nach. „Du müsstest nur einen Maulkorb besorgen. Dackel fünf könnte passen. Hättest du eventuell Lust, ihn auf ein Seminar mitzubringen?“
Alukatze? Dackel fünf? Seminar? 
„Bahnhof“, sage ich. „Was ist eine Alukatze?“
„Ein kleines Aluschälchen mit Katzenfutter. Das kostet nur neununddreißig Cent und schmeckt den Kandidaten immer besonders gut. Wir setzen Wiki mit einem Maulkorb davor und schauen mal, was alles möglich ist. Maulkorbform Dackel in Größe fünf müsste eigentlich passen.“
„Und was war das mit dem Seminar?“
„Ich würde gerne für interessierte Hundetrainer ein Seminar zum Thema Futteraggression veranstalten. Wiki ist dafür der ideale Kandidat. Ein echtes Lerngeschenk, würde ich mal sagen.“
„Da sind dann sicherlich auch noch andere Hunde mit ähnlichen Problemen?“, frage ich in der stillen Hoffnung, nicht der einzige Idiot auf dem Seminargelände zu sein.
„Nein, Wiki wäre der einzige“, entscheidet sie. „In all den Jahren ist mir so eine merkwürdige Futteraggression noch nicht untergekommen.“
„Hmpff!“, mache ich. 
„Ich meine, wer verteidigt schon allen Ernstes seine eigene Butterkotze gegen Menschen, mit denen er seit fünf Jahren zusammenlebt und denen er in allen anderen Situationen tief vertraut? Dieser Hund ist in dieser Beziehung so sensationell gestört, mit dem fülle ich locker drei Seminartage.“

Ich werde blass und schaue etwas hilflos aus dem Fenster. Mein sensationell gestörtes Lerngeschenk widmet sich mit Inbrunst einem Mauseloch. Der Zitronenfalter ist mit dem Leben davon gekommen. Der Rasen muss dafür bezahlen. Die Buddelbeinchen graben tiefer und tiefer, die Nase schnorchelt im Dreck, die Mäuse spritzen nach allen Seiten aus ihren Notausgängen.

Ich gehe da lieber nicht hin.










(Der Alukätzchenfighter Teil 2: Klare Ansage)



© Michael Frey Dodillet,  Der Alukätzchenfighter
Auszug aus Herrchentrubel, Heyne Verlag München, Mai 2016






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