Montag, 15. September 2014

Tortellini Acht.





Eine satte Sommersonne lag über dem Chianti und tauchte die toskanischen Hügel in flimmernde Hitze. Eine Schmeißfliege brummte die holperige Landstraße entlang, die von Fioraie nach Castellina führte. Als die Fliege den würzigen Zypressenduft wahrnahm, bog sie zuversichtlich nach links ab.

Die Zypressenallee beschattete einen staubigen Feldweg, der nach wenigen hundert Metern auf dem Hof eines bescheidenen Landguts endete. Links das verwinkelte Haupthaus, rechts die große Scheune, geradeaus die alten umgebauten Stallungen, in denen es schwach nach dem Öl gepresster Oliven roch. Dahinter zogen sich Olivenbäume den Hügel hinunter bis zum Bauernhof des Nachbarn. 


Die fette Fliege wich geschickt einem Sperling aus, der mit offenem Schnabel Löcher in die Luft hackte. Mit grenzdebilem Geflügel wie diesem wurde sie locker fertig. Immerhin hatte sie auf ihrem Flug bereits die Kühler dreier klappriger Lieferwagen überlebt, außerdem die Stoßstange eines schlingernden Fiat Cinquecento und zwei krakeelende Piaggio Dreiräder. Ape hießen diese Piaggios hier. Biene! Ausgerechnet. Dieser infernalische Krach hatte doch mit Summen nichts zu tun. Wenigstens hörte man sie schon von weitem.

Der Duft des herben Zypressenharzes verband sich mit einem feuchten Olivenölgeruch. Klatschmohn und Kornblumen mischten sich ein, kräftiger, süßer Ginster, wilder Thymian und Rosmarin. Aber da war noch etwa Anderes, Animalisches, außerordentlich Leckeres. Als ob altes Fleisch in der Sonne briete. Das war zu schön, um wahr zu sein.

Gierig schwirrte die Fliege zum Haupthaus hinüber. Das Aroma wurde immer intensiver. Etwas Blechernes blitzte in der Sonne. Tatsächlich, Fleischbrocken! Der schwere Hautgout traumhaft großer, verwesender Fleischbrocken. Sie wurde beinahe ohnmächtig vor Glück. Das Letzte, was sie in ihrem Leben hörte, war das martialische Klacken von zweiundvierzig schneeweißen Zähnen. Dann wurde es schwarz.

Otto schluckte den knusprigen Minibissen hinunter und leckte sich genießerisch die Lefzen. Das fehlte noch, dass sich so eine blauschillernde, dicke Sau in seinen Futternapf setzte und ihm die Hühnerleber vor der Gärung wegfraß.

Mehr Bewegung war in der Hitze nicht möglich. Otto bettete seinen Quadratschädel wieder auf die Vorderpfoten und blinzelte unbeeindruckt zur Scheune hinüber, aus deren geöffnetem Tor laute Stimmen drangen.

„Wie jetzt – mooof?“
„Ja, mauve halt.“
„Mooof ist keine Farbe!“
„Doch, Rudi, mauve ist ein angenehmes, malvenfarbenes Lila.“
„In der Provence vielleicht. Aber nicht hier. Ich verputze die Wand eines toskanischen Hofladens mitten im Chianti jedenfalls nicht lila.“
„Ich will ja auch keinen lila Putz von dir, sondern mauvefarbenen Tadelakt.“
„Claudia! Claudia, hör mir zu! Du bist die älteste Freundin meines Freundes Alain. Ich bin außerordentlich froh, dass er letztes Jahr die Nerven verloren hat und zu dir geflüchtet ist. Denn auf der Suche nach ihm bin ich hier in dieser wunderbaren Gegend gelandet und habe Grazia kennengelernt. Vermutlich werde ich sogar wegen deinem und Alains Unfug heiraten. Im zarten Alter von zweiundfünfzig Jahren! Ich danke dem Schicksal also auf Knien, dass es dich und deine Ölmühle gibt. Aber mooof in der Toskana – – – NIE – – – MALS!“
„Das ist mein Hofladen, Rudi!“
„Das mag ja sein, aber ...“
„Mein Hof! Mein Mauve!“
„Mein Kalk! Meine Farbpigmente!“
„Ah, wie kann man nur so stur sein!“


Claudia stürmte in die Sonne hinaus. Sie blies sich ein paar Mal vergeblich die Haare aus der verschwitzten Stirn. Als das nichts half, wischte sie die Strähne energisch beiseite. Diese Hitze war einfach nicht das ideale Wetter für eine Debatte. Schon gar nicht, wenn es um die Farben ihres Hofladens ging.


„Ihr seid still!“, fauchte sie den verblüfften Otto an. Dabei hatte der keinen Mucks von sich gegeben. Der kleine Tortellini Acht, der neben Otto döste, zuckte erschrocken zusammen. „Und fresst verdammt noch mal endlich euer Zeugs auf! Es stinkt zum Himmel.“ 

© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2014








Toskanamänner 2 erscheint nächsten Sommer und heißt dann selbstverständlich ganz anders. So gut wie alle sind wieder dabei. Und ein paar Neue. Tortellini Acht zum Beispiel. Ein Überbleibsel aus Ottos Techtelmechtel mit der Hofhündin des Nachbarn. Da haben wir's. Rudi ist ein Vermehrer. Außerdem flucht er und barft nicht und schubst den kleinen Tortellini. Sogar eine Schlägerei gibt's. Weil die intermediären Brücken von vier gutsituierten Arztgattinnen aus Sylt - abgekürzt GAGAS - nicht funktioniert haben, meint Rudi. Quatsch, sagt Otto, deren Ridgebacks hätten einfach eine zu große Fresse gehabt. Sehr aversiv, dieses Buch! 







Kommentare:

  1. Oh, ja, der Auszug macht Lust auf mehr!!!!!!!!!! LG Hilla und Luna

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  2. Hihi, liest sich schon mal sehr amüsant!! will meeeehr:-)

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  3. Freue mich schon auf die Fortsetzung.
    Liebe Grüße
    Sonja und Charly

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  4. Gekauft!
    Warte jetzt gespannt auf die Anschaffung eures Dritthundes. Bei deinem "glücklichen Händchen" betreffend der Auswahl, wäre ein Bestseller garantiert.

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  5. Nächsten Sommer ??? :-( Was mache ich dann an den laaangen dunklen Winterabenden ??? Schmooooollll !!! Hau in die tasten !! ;-)

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  6. Hiermit bestell ich für mein Frauchen ein Exemplar - bitte mit schöner Widmung. Baldige Lieferung erbeten, denn wenn Frauchen liest, klickert sie nicht! ;-) Liebe Grüße . Paule JRT

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  7. Ich habe geschmunzelt beim lesen, das ist schon mal gut !
    Bin neugierig geworden !
    Jutta

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  8. Sehr fein, ich kann es kaum erwarten, den nächsten Lach-Roman in Händen zu halten! :-)

    Liebe Grüße
    Macha

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