Donnerstag, 20. Februar 2014

Kaninchenkoks.




Ein Krause hat empfohlen, die Ohren der anderen Hunde mit Senf einzuschmieren, wenn sich der eigene Hund gern in fremden Ohren verbeißt. Hätte ich das mal früher gewusst! Als Luna anfing, sich in fremden Ohren zu verbeißen, bin ich Versager einfach nicht mehr auf die Hundewiese am Jaberg gefahren.

Dabei wäre es so einfach gewesen. Auto parken. Hund im Fahrzeug lassen. Wiese mit einem Gläschen Löwensenf Extra betreten. Mit einem jovialen „Sie gestatten?“ alle anwesenden Hundeohren mit Senf bestreichen. Kofferraum öffnen. Aggro auf die Wiese brettern lassen. Allen Beteiligten freundlich zunicken. Kein Problem mit Artgenossenaggression mehr haben. So wird’s gemacht!


Stattdessen waren Luna und ich nach diversen kostspieligen Öhrchenvorfällen geschätzte 72 Monate lang nicht mehr auf der Hundewiese. Beulchenmachen gab es nur noch bei ausgesuchten Spielgefährten, die sich psychisch und physisch als extrem stabil erwiesen. 

Bis Wiki zu unserem Rudel stieß. (Die modernste Wissenschaft schreibt vor, dass Rudelsagen verboten ist. Es heißt jetzt sozial gemischte Gruppe. Aber die kann mich mal, die modernste Wissenschaft.) Jedenfalls fährt unsere gerudelte Mischung gelegentlich wieder zum Jaberg. Nur um dem höflichen, sozial hochkompetenten Wiki einen Gefallen zu tun. Er spielt doch so gern, der Schatz.

Also gönnen wir ihm das. Aus Nächstenliebe. Für Luna ist der Jaberg nämlich eine Zumutung. Den findet sie so richtig scheiße, den Jaberg. Überall diese vierbeinigen, quietschenden Trottel. Missmutig schlappt sie an der Fünfmeterleine, die ausbruchsicher an meine Hose gegürtet ist, neben mir her und schwört sich, dass sie jeden umbringen wird, der ihr von hinten den Rüssel in die Intimzone ranzt.

Derweil hüpft der freundliche Wiki über die Wiese, lernt neue Freunde kennen, rennt und springt wie ein Rehlein, begeistert die Hundehalter mit seinem Überschwang und … ja von wegen! Einen Dreck macht er!! Kaum leine ich ihn ab, um 15 Uhr 47, rammt er seine Nase in die Erde, dockt an einer Kaninchenfährte an und verschwindet.

Die anderen Hunde guckt er mit dem Arsch nicht an. Eine Stunde lang ist er unansprechbar. Eine Stunde lang sehe ich ein schwarz-weißes, zuckendes Ding über Wiesen fetzen, durch Gräben robben, in Gebüsche hineinexplodieren, Brombeerdickicht sprengen. Ein Hund im Drogenrausch. Eine schmerzunempfindliche Adrenalin-Bombe. Zwei Wochen später wird am ganzen Körper der Schorf abkrümeln.

Diese Hatz zu unterbrechen gelingt mir nicht einmal, als er in zwei Metern Entfernung an mir vorbeirast. Dann war wohl der Impuls nicht stark genug? Unfug! Ich unterbreche mit massivsten Mitteln! Mit einer zwei Zentner schweren Rappeldose. Mit mir selbst! Ich bin der Unterbrecher. Ich schmeiße meine ganzen 100 Kilo mitten auf die Fährte. Offensichtlich macht die an meiner Aufschlagstelle einen kleinen Bogen. Wiki schnauft wie eine Lokomotive um mich herum und bemerkt mich gar nicht.

Es ist unfassbar. Dieser kleine Hund knallt wie eine unbemannte Drohne in die Hecken. An allen Seiten spritzen die Kaninchen heraus. Er sieht sie gar nicht! Die Nase bleibt unten, unten, unten. Immer, immer, immer! Innerhalb von Hundertstelsekunden entscheidet er sich für eine der neuen Wegspritzer-Fährten und stürmt weiter. 

Eine Stunde später, wir schreiben 16 Uhr 55, steckt der tapfere Krieger in einer Brombeerhecke fest. Als ich ihm aus nächster Nähe meinen Frust ins empfindliche Ohr krakeele, schreckt er auf und wird er wach. Na bitte, geht doch. Ich pflücke meinen zerrupften Helden aus den Beeren und trage ihn nachdenklich ins Auto.

Der Jaberg ist gar keine Hundewiese. Er ist eine einzige, kilometerlange, blitzsauber gezogene Line. Kaninchenkoks!

© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2014


•••


Die Trösterchen-Abteilung:


von Nadin „Alles ganz normal“ Matthews






von Sophie „Es gibt immer einen, den es 
noch schlimmer erwischt hat“ Strodtbeck








Kommentare:

  1. Ich schmeiß mich weg! Genau so etwas habe ich gebraucht, um den Tag zu überstehen und die letzten Stunden bis zum Wochenende einigermaßen gut gelaunt abzuarbeiten :-) DANKE

    AntwortenLöschen
  2. Kannichenbauten sind doch was Tolles. Da "könnte" Hund von Welt richtig geistige Auslastungsarbeit leisten. Dafür müsste er aber mit der Schnauze in den Bauten sein, nicht mit der gleichen den Spurenböllcheren am Boden folgen. Riecht nach Konditionierungsmaßnahmen. Wiki braucht einfach einen Hund, der es im vormacht. Dafür würde ich ihn aber zwangsverkoppeln an den anderen (den Vormacher), weil ... naja, das schreibt ja die Geschichte :-) zum Glück.
    Warum sind eigentlich überall Brombeersträuche, wo Kannichen sind?

    AntwortenLöschen
  3. Ich les das jetzt schon zum zweiten mal und muss immer noch rauskreischen vor lachen... ich kann nicht mehr... klappt das auch wenn die eigene reinrassige landstrassenmischung im ganzen quartier, selbstverständlich IN den gärten, zäune können sie nicht aufhalten, nach katzen jagt? einfach sämtliche katzen mit Senf einstreichen? oder ist das was anderes?!

    AntwortenLöschen
  4. Hallo,
    irgendwie kommt mir diese Geschichte bekannt vor. Mein Hund Charly könnte der Bruder von Wiki sein. Kaum sind wir im Park angekommen, heftet er seine Schnauze auf den Boden und ich sehe nur noch seinen wehenden Kringelschwanz. Habe mich beim Lesen schlappgelacht.
    Viele Grüße

    AntwortenLöschen

Krawallkommentare sind verboten. Es sei denn,
sie kommen von euren Hunden. :o)