Dienstag, 7. Januar 2014

Krawalljahresrückblick Zweitausenddrölf. (Erste Hälfte.)




Wir beherrschen den Matthew’schen Beruhigungsgriff wie eine Eins Drei, verehren arglose Tutnixhalter, delirieren nachts in die Tastatur und führen oscarverdächtig Regie bei Butterkotzevideos. In weiteren Nebenrollen ein ausrastender Rudi und die Sechs-Komponenten-Birte.

Januar 2013
Silvester ist noch keine Stunde vorbei, da werden die Vereinigten Hundeforenundgruppen mit Bildern von Angsthunden geflutet, die ES geschafft haben. ES – das Feuerwerk! In unzähligen Stuben hat man sich den Poppes aufgerissen, um die Bedrohung zu meistern. Die stolze Birte (Name geändert, Link zur Originalmeldung gerne per PN) toppt alle. Zur Vorbereitung hat sie unterjährig ein Entspannungsseminar bei Gundula und einen Körpersprache-Workshop bei Gunter absolviert. Seither weiß sie, dass ihre Lulu Angst hat. Um Mitternacht kuschelt Birte mit Lulu auf dem Sofa. Weil Birtes Präsenz offensichtlich nicht ausreicht, um Lulu zu beruhigen, wird zur Unterstützung ein Sechs-Komponenten-Programm gefahren: zeitgleich Thundershirt (1), Rescue-Tropfen (2), Mantra-CD von Snatam Kaur in Endlosschleife (3), Käse- und Fleischwurstwürfel bei jedem Knall (4+5) sowie Markerwortsalven (6) im Rahmen der konditionierten Entspannung. Ich lasse Luna unbeaufsichtigt Dynamitstangen kauen und fühle mich schlecht.



Außer dass ich mich im verschneiten Garten auf die Schnauze lege, weil ich meinen Hausschuh wiederhaben will, passiert im Januar weiter nichts Nennenswertes. Was mein Hausschuh im Garten macht, entzieht sich meiner Kenntnis. Die Hunde blicken beiseite, flöten arglos und schweigen.

Meine Gattin meint, sie sei sehr, sehr froh, dass die Birtes ihren übersteigerten Hütetrieb an ihren Hunden ausleben. „Stell dir nur mal vor, die hätten Kinder! Den ganzen Tag würden die ihre Brut mit diesem starren Bordercollieblick überwachen.“

Februar 2013
Um Lunas Prügelambitionen im Keim zu ersticken, optimieren wir kontinuierlich unsere derzeit bevorzugte Managementmaßnahme. In meinen Dilettantenpfoten mutiert der sanfte Matthew’sche Beruhigungsgriff zwar zum Dodillet’schen Schwitzkasten, aber sei’s drum! Wer heilt, hat recht. 

Und so wird’s gemacht: Noch während Luna im Angesicht des Feindes Luft einsaugt und pulmonal in Dynamit umwandelt, nehme ich sie liebevoll an meine Seite und umarme sie mit der ganzen Fürsorge und Zärtlichkeit, ZU DER ICH VERDAMMTE SCHEISSE NOCHMAL NACH ALL DEN JAHREN VOLLER SCHLÄGEREIEN NOCH FÄHIG BIN. Ich freue mich, dass Luna kein dünnhäutiges Viszlaweib ist, sondern drei Kilo Schwarte um den Nacken herumhängen hat. Dieselbige verschraubstocke ich mit der Faust, sodass sich die widerspenstige Zickenbirne keinen Millimeter mehr bewegt. Dazu lächle ich tiefenentspannt und werfe meinen Gegenübers beruhigende Sätze zu: „Passirnse ruch. Kne Ngst. Chabalsimgrff.“ Abschließend werde ich mit einem Snickers positiv bestärkt.

März 2013
Im Postkasten liegt ein hochoffizielles Schreiben des unbekannten Deutschen Branchenbuch Verlags, der vergeblich versucht, wie die bekannten Gelben Seiten auszusehen. Ich soll fünf Adresszeilen in eine halbtote Internetseite eintragen lassen und dafür – so das Ganzkleingedruckte – 3.684 Euro und 24 Cent bezahlen. Das Angebot von Geschäftsführer Ronny Ruf ist so inspirierend, dass ich am selben Abend noch die Toskanamänner um folgende Rudi-Passage ergänze:

„ […] dem Rudi gönne ich eine Frau, die genauso merkwürdig ist wie er. Vielleicht bleibt mal eine lange genug, um zu erkennen, was für ein herzensguter Typ er ist, trotz seiner legendären Ausraster.

Wie er damals beim Fondue-Essen sagte, Geburtenkontrolle sei ein Plan, über den man mal nachdenken sollte. Man schießt einfach allen Männern, die andere Leute über den Tisch ziehen, die Eier weg, hat er gesagt. Uns hat es fast umgehauen. Ohne Betäubung, hat er gesagt, ein bisschen wehtun muss es schon. Vertreter, die faule Versicherungen verkaufen, obwohl ihnen von vornherein klar ist, dass ihre Gesellschaften sich lieber verklagen lassen, anstatt zu bezahlen. Bänker, die sich für ein Viertelprozent Geld leihen und es für vierzehn Prozent weiterverleihen. Chefs, die ihre Leute für dreifuffzig die Stunde arbeiten lassen. Reiche Drecksäcke, die auf Kosten armer Schlucker leben. Denen würde er allen die Eier wegschießen, damit sie sich nicht weiter fortpflanzen. Wir sind eine soziale Gemeinschaft, hat Rudi gesagt. Wer die Gemeinschaft nur nutzt, um sich selbst zu bereichern, kann das gerne tun. Aber dieses Talent muss er nicht auch noch weitervererben.

Markus kriegt bei solchen Sprüchen jedes Mal die Krise. Rudi ist ein Linksradikaler mit Nazifantasien, sagt er immer. Markus will alles diplomatisch lösen. Ist bestimmt auch besser. Aber Rudi kann ich irgendwie auch verstehen. Alter Poltergeist! Der braucht eine Frau, die ihm die Zornesader an der Schläfe weich streichelt […] “

April 2013
Die Lesesaison geht los. Wiki ist ab sofort auch dabei. Auf den ersten drei Lesungen wird nur am Schluss applaudiert. Prompt haben wir die erste Fehlverknüpfung. Der Novize denkt jetzt bei jedem Klatschen, die Veranstaltung wäre zu Ende. Während meine alte Rampensau bei Applaus nicht mal das müde Haupt hebt, hüpft Wiki durch den Saal wie ein Knallfrosch und will mindestens zehnmal pro Abend heim.

Überhaupt entwickelt sich dieser kleine Hund prächtig. Dreimal beißt er zu: einmal Knie, zweimal Schuh. Siebenmal benimmt er sich im Garten wie eine offene Hose wegen Butterkotze und ähnlicher Leckereien. 

Das Butterkotze-Video wird im Laufe des Jahres zum Lesungs-Hit. Wer Wiki eben noch auf dem Schoß hatte, wird umgehend blass angesichts des Beserkers im Bild und des Originaltons über Bluetooth-Lautsprecher. Der Giftpilz lümmelt derweil im Backstagebereich und schnaubt: „Was denn, ihr Pfeifen?!“

Mai 2013
In wilddurchtosten Gebieten binde ich mir beide Hunde an Fünfmeterleinen an die Hose. Spätestens nach einer halben Stunde Herumwuseln sind die Fäden zu kunstvollen Mustern miteinander verknüpft. Der Fachleut spricht von Makramee. 

In dieses stabile Knotenwunder brettert eines Tages ein kleiner Frenchbulli hinein, der nix tut. Meine zwei reißen mir fast die Hosen herunter. Das macht aber nichts. Mittlerweile sind mir nämlich die Tutnixhalter richtig ans Herz gewachsen, also all diejenigen, die ihren Hund nicht im Griff haben und denen das sowas von egal ist.

Ich nenne sie die Arglosen. Sie „trainieren“ ihren Hund nicht, sondern leben ganz entspannt mit ihm zusammen im Hier und Jetzt. Irgendwie hat er Sitz und Platz begriffen. Manchmal kommt er, wenn man ihn ruft. Öfter aber auch nicht. Tutnixhalter kommentieren nicht jeden Schritt und jeden Atemzug. Sie forschen nicht pausenlos, ob ein Furz quersitzt. Sie machen einfach. Und manchmal machen sie nicht. Dann bauen die Hunde halt Scheiße und es gibt ein bisschen Stress. Aber maximal viermal im Jahr, und wenn es fünfmal passiert – auch wurscht.

Herrschaftszeiten, sind die vielleicht locker und entkrampft! Beide, Mensch und Hund, ganzjährig. Davon können wir uns aber mal eine schöne Scheibe abschneiden, wir Pausenlos-Erzieher, die wir nach solch einer Begegnung immer gleich ins Hundeforum rennen müssen, um lauthals zu lamentieren, dass dieses Reinbrettern acht Wochen Markertraining versenkt hat und unser Heinerle jetzt wieder zittert, wenn wir kleine Frenchbullis zeigen & benennen.

Juni 2013
Die Toskanamänner sind fertig. Ein halbes Jahr wie im Rausch gelebt. Nacht für Nacht ein paar Seiten geschrieben. Morgen für Morgen gewundert, was man im Delirium um drei Uhr nachts alles zustande bringt. Mittag für Mittag die Seiten fein geschliffen. Ein bisschen mit den Hunden raus. Gewartet, bis es dunkel ist. Die nächsten Seiten geschrieben. Eine von vielen Lieblingsstellen:

»Otto wird Vater«, sagte Rudi mit vollem Mund.
»Was? Wie? Mit wem?«
»Es werden kleine Italiener.« […]
»Das ist doch gerade mal ein oder zwei Wochen her«, sagte Thomas. »Gibt’s denn Ultraschall oder sowas?«
»Grazia hat gesagt, Claudia hat gesagt, Renzo hat gesagt, seine Frau hätte gesagt, die Hündin sähe trächtig aus. Wer braucht da noch Ultraschall?«

© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2014



Kommentare:

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