Donnerstag, 10. Februar 2011

Fury oder Neues aus der Kampfzone.




Blogumzug ist wie echter Umzug. Statt zu packen guckst du dir alten Kram an. Ich schmökere in den Einträgen und stelle fest: Wir sind in den letzten 3 Jahren kaum einen Schritt weiter gekommen.

Fachbuchkrause macht es sich wieder ganz einfach. Je mehr friedliche Begegnungen ich meinem Hund ermögliche, desto ruhiger werde er. Übernehme ich die Führung und eliminiere souverän die Aufreger, lege sich das Problem umgehend. Der Hund wolle diese angenehmen Situationen immer wieder haben. 



Prompt zähle ich am Sonntag mit. Im Rahmen selbstloser therapeutischer Individualbetreuung stelle ich für meine rasende Krawalli sechzehn angenehme Situationen her. Ich stopfe sie mit Wurst voll und labere sie mit Mantras zu. Sie bleibt sechzehnmal im Angesicht des Feindes friedlich sitzen. Überzeugt, den Durchbruch geschafft zu haben, fläzen wir beide anschließend hochzufrieden im Kofferraum und teilen uns die restliche Fleischwurst. Ein siebzehnter Hund tapert am Auto vorbei. Luna? KAWUMM!


Am Fahrrad ist das lunare Ungestüm etwas schwieriger zu handhaben. Madame steigt hoch wie Fury zu seinen besten Zeiten. Halte ich sie kurz, schreitet sie auf zwei Beinen am Gegenüber vorbei und deutet mit wedelnden Vorderpfoten üble Gesten an. Ich habe aus Sorge um meine Gesundheit, aus schierem Eigennutz also, eine neue Technik entwickelt: Wenn Luna hoch geht, drücke ich sie einfach nach unten. Und siehe – die Kraft verpufft. Madame bleibt mit allen vier Pfoten auf dem Teppich.


Es fängt damit an, dass mein Fahrrad einen kapitalen Platten hat. Reparieren lassen geht nicht, weil sich auf allen tragenden Teilen zentimeterdicke Schlammkrusten befinden und Zweirad-Michalski ungern eingesaute Räder annimmt. Sauber spritzen ist nicht möglich. Die Schlauchleitung ist im eisigen Winter geplatzt. Also nehme ich das Fahrrad der Gattin, ein signalrotes Damenfahrrad, das den Winter auch nicht unbeschadet überstanden hat. Es sind entscheidende Schrauben locker. Das merke ich aber erst, als wir festen Trittes den hinter seinem grünen Tor tobenden Wolfi passieren. Mit neuer Technik und vollem Gewicht drücke ich nicht nur die aufsteigende Krawallmaus nach unten, sondern auch den Lenker. Ich strauchle und eiere einen Millimeter an Nachbars neuem 5er-BMW vorbei.

Fünfzig Meter weiter vorn ist Mandy nicht angeleint und geht auf uns los. Mandy hat eine Riesenfresse, wenn Luna an der Leine läuft oder ein Zaun dazwischen ist. Ich fasse die Leine kurz und wappne mich. Mandy dreht ab. Mein Hund holt tief Luft. Eine Frau sagt zu der mit tadelloser Stimme krakeelenden Luna: „Du armer Hund, du wirst gewürgt.“

Der nächste planmäßige Ausraster findet am Dobermann-Gehege im Neandertal statt. Für Luna und mich reine Routine. Unglücklicherweise kommt uns ein Jogger entgegen, der in der irrigen Annahme, Fury laufe wegen ihm auf zwei Beinen, um sein Leben zu rennen beginnt. Ich kann das nicht aufklären. Er ist zu schnell.

Warum der Cockerspaniel in Gruiten nur kurz angebrodelt wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Auch an der heißen Hündin – normalerweise Garant für einen Atompilz – läuft Luna ohne mit der Wimper zu zucken vorbei. Im lockeren Trab wird ein leckerer Pferdeköttel aufgelesen und reingepfiffen. 

Zu Hause angekommen hetze ich schnell zum Briefkasten und stopfe 20 Sekunden vor Leerung die Post in den Schlitz. Versehentlich lasse ich die Haustür offen. Luna haut ab und frisst sämtliche Katzennäpfe der Umgebung leer.

Eigentlich wollte ich mir auf dieser denkwürdigen Tour Headlines für die Osteraktion eines nordfriesischen Supermarktes ausdenken. Außer Auwei, Owei und Eieiei bringe ich nichts zustande.


Luna tickt nur aus, wenn sie an der Leine ist und mich hinter sich weiß. Niemals würde dieser Hasenfuß die 50 Meter zu einem anderen Hund überbrücken und alleine auf sich gestellt Stunk machen. Dieses Wissen gibt viel Sicherheit im Freilauf. Bei Hundesichtung rufe ich sie zu mir. Sie gehorcht. Das ist seit sechs Jahren so sicher wie das Amen in der Kirche. 

Genauso sicher ist aber, dass Krawallmausinhaber sich niemals (NIEMALS!) in wohliger Zufriedenheit sonnen sollten. Dies wird vom Schicksal als provokante Selbstüberschätzung betrachtet und umgehend abgestraft. In unserem Fall mit einer gegnerischen Tierarztrechnung in Höhe von 980 Euro und 45 Cent. 

Seither weiß ich fünferlei. Erstens. Luna überbrückt die 50 Meter neuerdings doch. Zweitens. Ein kleines Loch in der Nackenschwarte einer 12 Jahre alten Schäferhündin namens Bella kann einen komplizierten Heilungsprozess nach sich ziehen, weil die Wundtasche unter der Haut so groß ist und ganz schwer keimfrei gehalten werden kann. Drittens. Der Fachausdruck, warum meine Versicherung nur die Hälfte zahlt, wenn zwei abgeleinte Hundedamen aufeinander losgehen, lautet „mithaftende Tiergefahr“. Viertens. Ich würde Bellas mithaftende Tiergefahr auch das nächste Mal wieder aus eigener Tasche bezahlen. Fünftens. Bevor ein Veterinär am Sonntag die Ärmel hochkrempelt, solltest du mit deinem Banker ein vertrauliches Gespräch geführt haben.

Es war aber auch ein Klassiker. Luna und ich spazieren den Bodensee entlang. Bella taucht auf. Luna läuft hin. Während des Beschnupperns tauscht man sich aus.
Die Alte: „Mein Revier, Baby. Ich gehe seit 12 Jahren diesen Weg.“ 
Die Junge: „Dann wird‘s jetzt höchste Zeit für die Ablösung.“
KAWUMM!


Und Wiki? 

In so gut wie allen Begegnungen ein freundlicher, souveräner Hund, der neugierig und sicher auf die anderen zugeht, sich von Kläffern nicht nervös machen lässt, stolz die Rute hoch trägt und zentnerweise innere Größe ausstrahlt.

Wenn sich die Rüdin davon mal eine Scheibe abschnütte ...



© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2011

Kommentare:

  1. .....wie - was - schon zu Ende. Ich war gerade mal wieder in einer fantastischen Lunawelt - völlig entspannt und mit einem Lächeln bis zu den Ohren..... Poooh ist das alles peinlich, was dein Zweibein da durchlebt.....oder dient es wirklich nur einer völlig begeisterten Leserschar zur Freude?
    Mehr bitte - will alles genau wissen!
    Wuff und LG
    Aiko

    AntwortenLöschen
  2. Hier wird originalgetreu vom täglichen Überlebenskampf berichtet. Für die Fantasie-Abteilung ist Mrs. Rowling zuständig.

    AntwortenLöschen
  3. Ich habe nochmal nachgeschlagen und ja, ich geb's zu, ich habe gelogen. Der Tierarzt berechnete nicht 980,45 €, sondern 980,85 €

    AntwortenLöschen
  4. ...na - ja - das zählt nicht.....keine allzu schwerwiegende Sünde....Hauptsache .... die Buchhaltung stimmt jetzt wieder.

    AntwortenLöschen
  5. Jetzt wollte ich schon meckern, wo denn der näxte echte (also nicht umgezogene) Post bleibt und schwupps sahte ich, dass ich ihn aufgrund schwerwiegender Baustellenapathie fast verpasst hätte.

    Zu Deim Osteraktionsspruch fällt mir aus selbigen Gründen grad auch nix Gescheites ein, nur Albernes Zeuch, aber vielleicht ist das ja auch grad gut so ? Oder Du bedienst Dich des Klohäuschenspruches in abgewandelter Form ? Wat weiss ich...

    Ach ja, eines weiss ich doch: Mein -sehr braver- Hund führt sich anner Leine auch auf und steigt hoch. Da er ein Bär ist, misst er dann ungefähr meine Körpergröße. (Nein, ich bin kein Bär, und auch kein Zwerg, Duke ist eben so lang)
    Und bei mir hilft immer freilassen und falls er Stunk macht, in die andere Richtung abhauen.
    (Oh doch, auch ich habe mit meinen beiden Jungs vor Duke genuch Rechnungen gezahlt und Narben davongetragen.........Kampfspuren, Zeugnisse wahrer Tierhalterhingabe!)

    Wer bin ich denn, dass ich Tauziehen mach und Fahrräder innen graben schmeiss und Blutworscht abboniere ? Tsö, soweit kommts noch.
    Aber wir wohnen ja auch aufm kaffigsten Dorf, ich weiss ja nicht, ob das bei Ihnen auch ginge ?!
    Ich muss nu meinen Rücken auskurieren und wünsche Euch ein entspanntes Wochenende !

    Eve

    AntwortenLöschen
  6. Sowas!
    Unser Krawall liegt 4 Jahre zurück, kostetet 'nur' rund EUR 100 fuer das 'geschundene Opfer' (ebenfalls Schaeferhundhuendin und schon uralt), aber wir hatten das Vergnuegen von Anzeigen und Anwaltsspass fuer 12 Monate! Das bleibt dann auch ganz fest am Maentelchen kleben - sowohl am Mantel der Terroristin als auch des Herrchens!

    Weiterhin viel ENTSPANNUNG und bloss nicht die 'falschen' Gegner zurechtstutzen!

    In Verbundenheit
    RussianCosmic

    AntwortenLöschen
  7. Wie ? Sie sind neidisch auf meine Handwerker ? Haben Sie denn a-tens) nicht gelesen, was die hier fabriziert haben und b-tens) dass es ein jahr dauertetete, bis die endlich kamten ? Also wenn Sie mögen, dann kann ich Sie gerne zu Ihnen schicken, kein Problem, sicher haben Sie sich schon immer gewünscht, das komplette Haus danach renovieren zu dürfen :-)

    AntwortenLöschen
  8. ... ich liebe Deinen blog und Frauchen liest seit gestern Dein Buch und kann gar nicht mehr aufhören zu schmunzeln und zu lachen. GlG von der Hunde-Maus vom Lebensumbau.

    AntwortenLöschen
  9. Hoffentlich wird es mit Wiki nicht zu fad bei euch? Aber Luna wird ihm schon zeigen, was er zu tun hat!!
    War wieder köstlich alles zu lesen. Eigentlich schade, dass ich so brav bin - grins und Wuffi Isi

    AntwortenLöschen
  10. Fad?

    Während ich mich am Sonntag für den 50sten der Schwägerin ins feine Stöffchen kleidete, stürmte Wiki auf unsere Weide und mobbte ein Schaf. Ich in Socken hinterher und den schlammigen Sausack da weggeräumt. Zweimal! Danach sah ich aus wie „Das Ding aus dem Sumpf".

    Noch Fragen?

    AntwortenLöschen
  11. Mein Krawall hat 500,00 Tierarzt und 290,00€ für durchgebissene Gurte im Auto der Trainerin weil Hund und dann nicht mehr mitmachen sollte.
    Es liest sich so wie unser erstes Jahr mit Roki und Leinenführigkeit ist unser besonderes Thema.
    Endlich vergeht mir mal nicht das Lachen.
    der Roki

    AntwortenLöschen
  12. Es ist illegal, einen Hund vom Unterricht auszuschließen. Ich finde, Roki hätte dem Krause ruhig noch die Polster rausreißen sollen.

    AntwortenLöschen
  13. Och, da ist meine Bilanz des letzten Jahres ja noch okay:
    90,43 € für den gelochten Oberschenkel einer doofen Labihündin und rund 90 € für den geschlitzen hurrta-Mantel des Powder Puff, den ich endlich mal ohne Zaun dazwischen erwischt habe...*flöt*
    LG Zora

    AntwortenLöschen
  14. Ich kenne solche Peinlichkeiten mit meinem kastrierten Rüden. Sein spanisches Temperament ging früher schon mal öfters mit ihm durch. Gott sei Dank ist nur selten Blut geflossen und dann auch nur aus kleineren Wunden. Die teuerste Tierarztrechnung betrug 40 Euro.
    Rüden sind halt nicht so rabiat wie die Damen.
    Meine Madame ist da auch schon anders. Wenn die mal ran kommt, dann wird es auch scon heftiger.
    Bis jetzt nur einmal Tierarzt und dann nur 50 Euro.
    Die geht nach dem Motto, dann komm mal her du Tussi, dich krieg ich schon.

    Aber ich könnt mich schlapp lachen.
    Ich hab das Buch noch nicht gelesen, ist aber schon bestellt.
    Nur wer einen Hund hat, weiss wie sich das anfühlt. (Bordercollie Besitzer ausgeschlossen, die hören ja alle / auf den Klicker).

    AntwortenLöschen

Krawallkommentare sind verboten. Es sei denn,
sie kommen von euren Hunden. :o)