Sonntag, 19. Mai 2013

Ein Bild von einer Rampensau.







Ich komme in Lesungsklamotten in die Küche. Über der Schulter hängt mein Lesungsrucksack, in meiner Hand halte ich Lunas Lesungshalsband. Ich ziehe mir die Lesungsschuhe an. Luna steht auf, reckt sich und trabt mit mir zum Auto. Wir fahren los.

Wiki kennt diese Nummer. Er hat sie fünfzig Mal gesehen. Schon beim dritten Mal ist er nicht mehr aufgesprungen und zur Tür gerannt, sondern brummig auf seiner Decke liegengeblieben. Lesungen sind Lunas und mein Ding. Daher guckt er einigermaßen verblüfft aus der Wäsche, als es beim einundfünfzigsten Mal heißt: „Wiki, komma mit.“


Erkrath. Nach dem Verzehr von geschätzten fünf Millionen Probeleckertütchen aus dem Hause Lieblingsviecher rülpst er männlich und pieselt in Sara Willwerths Buchhandlung. Luna ist begeistert von dieser Premiere. Der Begleiter hat Talent. Das ist ausbaufähig.

Hückeswagen. Er begrüßt jeden einzeln, frisst Schokoherzen aus der Auslage und krabbelt unter alle Stühle.  Sehr gefährlich! Wenn man Wiki versehentlich auf die Pfoten tritt, beißt er nämlich wie eine Kobra in den angreifenden Schuh. Ich überlege kurz, ob ich das Publikum warnen soll, lasse es dann aber und hoffe, dass keiner Sandalen trägt.

Attendorn. Er begleitet Damen in die Erfrischungsräume, treibt sich unbeaufsichtigt in der angeschlossenen Kneipe herum und wälzt sich ergiebig auf dem Bühnenteppich. Im Laufe des Abends schließt er tiefe Freundschaft mit neunzig Leuten – – – bis die nichts mehr zu futtern haben. Dann möchte er heim.

Velen. Er klaut aus dem schön dekorierten Lesungsfenster den großen Büffelhautknochen und will ihn nicht mehr hergeben. Während er auf dem Boden liegt und kaut, streichelt ihn die Buchhändlerin. (Zur Erklärung: Sie hat keine Hunde.) Wie üblich wird Wiki steif wie ein Brett und faucht wie eine Rakete. Mir bleibt beinahe das Herz stehen, als ich es mitbekomme, weil wir nach so einer Nummer auch schon mal gerne ins Krankenhaus fahren zum Nähen. Ich beschließe, aus Sicherheitsgründen zukünftig die Seite 129 aus Herrchenglück vorzutragen.

Essen. Er belästigt das Publikum mit Hilfe von Krach. Wiki stellt nämlich fest, dass man Leckerchen aus knisternden Tüten herausbellen kann. Da wir in einem stillgelegten Gewächshaus lesen, ist der Lärm ohrenbetäubend. Dies wiederum ist den Knisterern peinlich, sodass sie durch milde Gaben versuchen, ihn ruhig zu stellen. Klappt nicht. Er wird noch lauter. 

Butzbach. Er schreit Cora an, weil er von ihrer Brezel etwas abhaben will. Aber er kriegt erst ein Stück, als er leise ist. Das dauert. Ich spare Stimme. Das kommt mir sehr gelegen, weil ich erkältet bin. Als ich von einer Schweizer Hundeschule berichte, die das Krisenumkehrsignal „Scheiße!!!“ lehrt und zur Demonstration lauthals „Scheiße!!!“ in den Saal rufe, unterbricht er auf der Stelle das Leckerchenschnorren und kommt angebrettert. Liebe Schweiz, es funktioniert!

Spät abends in Butzbach der Ritterschlag: sein allerallererster Hotelaufenthalt. Nachdem klar ist, dass 

a) das fremde Bett da meins und nicht seins ist, 
b) Rumkrakeelen nach Mitternacht nicht gut kommt,
c) Luna auf den kühlen Fliesen im Bad pennt und nicht er,

legt er sich vor den Schrank und schläft erschöpft ein. Am anderen Morgen lasse ich beim Frühstück ein hartgekochtes Ei für ihn mitgehen. In einer feierlichen Zeremonie im Fond des Bulli verleiht ihm die Rüdin das Prädikat Kleine Rampensau. 

Wir sind sehr froh, dass er dabei ist.

© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2013







Lunas und Wikis Buch ist diese Woche kurz davor, dem Herrn Dokter Hirschhausen 
in den Poppes zu hacken. Warum mich das freut? Weil Herrchenglück im Grunde ein 
einziges langes Plädoyer für Tierheimhunde ist. Hoffentlich macht es vielen Menschen 
Mut und Lust, einen aufzunehmen. Auf dass die Zwinger leerer werden ...






Kommentare:

  1. Sieht aus, als wenn er Herrchen die Show stiehlt :-)

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  2. es ist schon mehr als abenteuerlich mit Hund zu leben - aber - die Steigerung davon ist Mensch mit Katz Zwickele. -
    Was isses doch schön, dass Zwickele mich als ihren Menschen adoptiert hat

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  3. Ich will ja nicht nur ein Anonym sein, aber ich weiß nicht wie *heul* und sorry

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  4. Es hat mir viel Freude bereitet deinen Post zu lesen.
    Liebe Grüße von Sylvia und Tibi
    Wir wünschen einen schönen Pfingstmontag

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    1. Super guter Lesungsreport, wir waren ja in Essen dabei, es ist tatsächlich so, daß Wiki "Bienen im Hintern" hat, tut aber seiner Liebenswürdigkeit keinen Abbruch. Luna ist dabei sehr souverän ( laß ihn mal machen! ) Leider waren meine Leckerlis schon kurz nach der Pause weggefuttert, was Luna aber nicht davon abgehalten hat, gelegentlich vorbeizukommen, um zu kontrollieren, ob wirklich nichts mehr da ist. Du hast 2 tolle Hunde und Deine Lesungen sind phänomenal. Ich bedauere alle, die noch nicht, bzw. sich nicht getraut haben, dabei zu sein. Weiter so!!! Viele liebe Grüße Hilla und Luna

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  5. Hehe, ein richtiger Rockstar eben ! Also ich finde, Ihr könnt Euch ruhig was von Wiki abgucken ! Der weiss, wie sich ein richtiger Star benimmt... OK, wenn jetzt noch Groupies kommen und er anschliessend oder währenddessen das Hotelzimmer zerlegt, dann solltest Du Dir doch überlegen, ob Du ihn das nächste Mal wieder mitnimmst.....

    Euch allen ein pfrohes Pfingstpfest !

    Epfe

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  6. Katrin und Luna24. Mai 2013 um 16:16

    Es war wieder ein sehr Lustiger Abend gestern in Rheda Wiedenbrück, Wicki ist einfach ein ulkiges Kerlchen den man Lieb haben muss und Luna ist die ruhe in Hund. Die Lesung war wie immer sehr Amüsant wobei ich nicht weiss ob ich das mit den Mülltonnen durchziehen würde -:).

    Ich kann nur jedem raten wenn Ihr die Möglichkeit habt an eine Lesung zu gehen macht es,aber vergesst die Leckerlies für die Hunde nicht ( so wie ich)
    Weiter so

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  7. Frauchen von Herrn von und zu Schwachkopf25. Mai 2013 um 11:24

    Ich glaub, allein für den Wiki würd ich mich mit Leberwurst einschmieren, damit die Radaunase schön bei mir bleibt. Mir ist der Wurschtelhund sehr sympathisch, weil man so toll erzogener Shepherd mit Publikum auch immer so schön auf- und durchdreht. Erzogen ist der? Ahja....

    Wann gibts euch denn mal in Berlin?

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  8. Verdammt, ich hab Euch in Rheda-Wiedenbrück verpasst????? NEEEEEEEEEEEEEIIIIIINNNN!!!!!!

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  9. Anton meint, es wäre doch ganz normal, wie sich Wiki benimmt.
    Derweil kaut er genüsslich an einem Hundekuchen, den er gerade dem Pudel von Frauchens Schwester geklaut hat.
    Pudel Bobby ist noch jung (1Jahr alt) und läuft fast den ganzen Tag mit einem Tennisball im Maul herum. Was braucht der da Hundekuchen?
    Das zitierte Krisenumkehrsignal aus der Schweizer Hundeschule kennt Anton übrigens nicht. Was war denn das für eine Anstalt? Hier sagt man eher ″Schissdräck″.

    Herzliche Grüsse von Antons Trulla aus der Schweiz

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