Freitag, 17. Oktober 2008

1.200 Minuten mit dem Hund auf der Couch.



Im sonnigen Spätherbst des Jahres 1971 war ich nicht nur Viertklässler einer Singener Grundschule, sondern auch jeden Donnerstagmorgen der Klassendepp.


Ich hatte am Vorabend „Die Zwei“ nicht gesehen. Das ist in etwa so als säße man in der New-Business-Präsentation seines Lebens, hätte die verkehrten Pappen dabei und obendrein noch Ei auf dem Schlips. Alle, alle waren sie mit Curtis & Moore an der Côte d'Azur unterwegs gewesen. Wahlweise London, Paris, Rom. 

Die Jungs fachsimpelten über heiße Puppen, bahamagelbe Aston Martins und rote Ferrari Dinos. Die Mädels diskutierten Haarschnitt und Garderobe „seiner Durchschlaucht Brett (wie das, was man vorm Kopf trägt) Sinclair“. 

Der Religionslehrer wurde mit „Merkwürden, mir schwelt da eine Frage im Gebeiß“ angesprochen. Und selbst unser trockener Mathepauker schloss seine Ausführungen formvollendet mit einem Danny-Wilde-Zitat: „Ich hoffe, das geht noch ohne Meissel in die Birne.“ Nur einer hatte nicht den Hauch einer Ahnung: ich.

Das lag nicht am pädagogischen Dogmatismus meiner Erziehungsberechtigten. Viel profaner. Unser Haushalt scheiterte an den technischen Gegebenheiten. Wir empfingen ARD, Österreich und Schweiz Eins in armselig schwarz-weiß. Nicht für Geld (anteilige Übernahme der GEZ-Gebühren) noch gute Worte („Ich hau euch gleich eine Falte in die Peristaltik.“) war man geneigt, in eine Antenne zu investieren, die das ZDF aus dem Äther pflückt.

Und jetzt zu den guten Nachrichten.

Alle 24 Folgen von Curtis & Moore – inklusive der sieben, die damals aus unerfindlichen Gründen die Zensur nicht passierten – gibt es in einer wunderschönen Sammelbox auf acht DVDs.

Gut, auf die englische Tonspur hätte man verzichten können. Die Original-Dialoge sind grottenschlecht. Die Serie wurde damals nur ein Quotenhit, weil Karl-Heinz Brunnemann und Rainer Brandt, ein ehemaliger Kabarettschüler von Wolfgang Neuss, sie mit ihrem Schnodder-Synchron aufmöbelten.

Da wurde „Good Morning, Mister Miller“ gnadenlos mit „Na Meisterchen, schon frisch im Schritt?“ übersetzt und auch sonst keine Gelegenheit ausgelassen, vom verschnarchten Original abzuweichen.

Beim Ferrarifahren: „Geht‘s nicht schneller? Versuch doch mal den zweiten Gang!“ – „Was, der hat auch 'n Zweiten?“ 

Beim Kochen: „Du badest das Hühnchen?“ – „Nein, ich verbrenne das Gemüse.“

Am Tatort: „Dem hat man mit dem Hockeyschläger die Fontanelle gespalten, die verbleibenden paar Sardellen peitschte er sich mit Brillantine um den Ballon.“

Immer wieder gut: die Titelmusik des James-Bond-Komponisten John Barry. Immer wieder entsetzlich: die grellen 70er-Jahre-Klamotten von Sinclair und Wilde. Wenn man die mit 37 Jahren Abstand betrachtet, fährt es einem eiskalt den Rücken runter. Du lieber Himmel, so sind wir damals ja selber rumgelaufen.

Kurz: Alle acht DVDs machen sehr viel Spaß. Man kann sie einem Zeitgenossen schenken, der wie ich noch ein Kindheitstrauma aufzuarbeiten hat. Oder sie einfach behalten, gemeinsam mit dem Wauzi vergnügte 1.200 Minuten vor der Glotze lümmeln und genüsslich seufzen:

„Na, da bin ich doch ein beglückter Pilz.“



© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2008

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