Donnerstag, 7. Januar 2010

Rumrüpeln bei 20 Grad minus.



30 Grad im Schatten haben, wie im Sommer 2009 bewiesen, kaum dämpfenden Einfluss auf das Temperament meines Hundes. Sieht es am unteren Ende der Quecksilbersäule besser aus?


Ergebnis des 14-tägigen Feldversuchs im Wallis: Nö. Nicht die Bohne! 


Dabei waren die Rahmenbedingungen ganz ausgezeichnet. Höhenlagen zwischen 1.500 (Saas Grund) und 3.500 Metern (Allalin Gletscher) mit jeder Menge dünner Luft. Sturmböen um die 80 Stundenkilometer. Temperaturen zwischen minus 15 und 20 Grad, die als minus 25 gefühlt werden durften. Schneehöhen bis 1 Meter 73, die einen kompletten Wuff samt steil aufgerichteter Alarmrute verschwinden lassen konnten. Nicht zu vergessen jahrtausendealte Gletscher mit tiefen Rissen und Spalten, in denen Tote liegen und als Warnung dienen: „Siehst Du, Lunchen, so kann es gehen, wenn man sich auf dem Gletscher daneben benimmt.“


Alles in allem eine Atmosphäre, wie geschaffen, um kürzer zu treten, das Rumrüpeln einzustellen und seinen Nächsten friedfertiger zu begegnen.





Aber meinem Mistvieh ist das ja so was von wurscht!

Im Chalet wohnen noch weitere drei Hunde. Direkt unter uns eine Golden Retriever Oma namens – – – Luna. Ausgerechnet! Die zwei Damen echauffieren sich derart, dass wir sicherheitshalber Zeiten verabreden, wer wann wo das Treppenhaus betritt. Vielleicht liegt es ja doch am Namen? Ich mache mir in Gedanken einen Vermerk. Wenn alles nichts hilft, werde ich meine Luna nächstes Jahr umtaufen. In Hildegard oder Sybille. Oder Christa? Wer hat Erfahrungen, inwieweit vierbeinige Gertruds leinen- oder treppenhausaggressiv sind? Bitte schreiben.

Im Appartement darunter hausen zwei bullige Labbi-Jungs. Der eine schokofarben, rollig, nur an das Eine denkend. Der andere blond, naiv, kastriert. Als wir den beiden zum ersten Mal begegnen, gibt es ein kurzes, schmerzloses Donnerwetter. Die Krawallmaus braucht ganze zehn Sekunden, um die Verhältnisse zu klären: Der Schoko darf mir an den Hintern, der Blonde soll machen, dass er zur Mama kommt, sonst dicke Lippe!

Vor lauter Aufregung markieren die Rüden bei dieser Aktion 27 Ecken, was wiederum die keifende Nachbarin auf den Balkon treibt. Die ist allergisch gegen gelben Schnee und vermietet nicht an Hundehalter, im Gegensatz zu „der da drüben, aber dagegen könne man ja leider nichts machen“. Die da drüben ist unsere Vermieterin. Ein Jahrzehnte schwelender Dorfzwist, komprimiert in einem Balkonsatz.

Auch sehr schön: Im Wallis sind die Caquelons aus Gusseisen und die Fonduemischungen herausragend. Außerdem lässt der Betreiber von Ziebels Dorflift, der nicht Ziebel heißt, zwischen Weihnachten und Sylvester einen lebensmüden Herrn namens Fireman feuerwerken. Der steckt in einem Aluminiumanzug und eiert krachend, zischend, knallend und heulerspuckend den Dorfhang hinunter. Drei mörderisch tackernde Raketenbatterien begleiten seine Fahrt. Seither bin ich ziemlich sicher, dass das zarte Wesen, das sie Krawallmaus nennen, schussfest ist. Die guckt sich das Spektakel an, als würden Wattebäuschchen geworfen.

Die einzige Aufregung des Abends sind die Schatten der fahrenden Liftbügel. Die sehen offensichtlich wie Häschen aus. Von einem Angriff nimmt Luna allerdings Abstand. Ihr  Jagdtrieb ist in dieser Kälte vollständig erloschen. Was auch an den anderthalb Meter hohen Schneewehen liegt, die sich rechts und links der Waldwege türmen. Da kommst du selbst mit vier Beinen kaum einen Schritt vorwärts.

Was für entspannte Waldspaziergänge! In 100 Meter Entfernung streckt dir die Gemse die Zunge raus –  flebflebflebfleb! – und dein Hund guckt nur müde hin und denkt angesichts der Schneemassen im Hang:

„Ach, leck mich doch.“


In Saas-Fee wird für gutes Miteinander geworben.
Hunderüpel/innen fühlen sich leider nicht angesprochen.







© Michael Frey Dodillet | Die Krawallmaustagebücher 2010

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