Sonntag, 19. März 2017

Luna, Led Zeppelin und die Kackbratze von Castelvecchio.




Den ominösen Vorfall in Castelvecchio di Rocca Barbena habe ich bis heute verschwiegen, weil ich dabei einmal mehr eine erbärmliche Figur abgab. Es geschah im letzten Sommer. Die Hunde wanderten mit uns durch die Berge von Ligurien.

Doch, doch, sie mit uns! Die seit Jahr und Tag in dieser Familie praktizierte Umsetzung des Begriffs «Führung» lässt keine andere Interpretation zu. In diesem speziellen Fall führten sie Stella und mich durch die Berge oberhalb der ligurischen Küste. Ab und zu erlaubten die Felsen einen Blick auf das glitzernde Mittelmeer und die Kräutergewächshäuser Albengas. Luft war lau, Himmel blau, alles sehr idyllisch.

Unsere beiden Führungskräfte schnauften sich sicherheits- und wildschweinhalber an fünfmeterlangen Leinen die Berge hoch. Wir waren kurz vor dem Ziel. Die grob gehauenen Häuser von Castelvecchio, das sich laut schwadronierendem Reiseführer zu den schönsten Orten Italiens zählen darf und mit labyrinthartigen Wegen fasziniert, waren bereits zu sehen. Alle hatten Durst.

Der schmale Weg, der uns ins Dorf führte, war mit Kopfsteinen gepflastert. Die Steine hatten sich im Laufe der Jahrhunderte kugelrund geschliffen und boten dem Schuh nur widerwillig den erforderlichen Halt. Unter normalen Umständen wäre das egal gewesen. Nicht aber, wenn auf einer Steintreppe im Labyrinth eine hinterhältige Extrembelastung lauert: die Kackbratze von Castelvecchio.

Auf den ersten Blick sah die winzige, graue Katze harmlos aus. Ängstlich schmiegte sie sich an die sonnenwarme Stufe. Hunde vorbeiziehen lassen und bloß nicht auffallen, schien ihre Devise zu sein. Sie verschmolz derart mit dem Stein, dass sie Luna und Wiki gar nicht auffiel. Das hat der kleine Hasenfuß sehr geschickt gemacht, dachte ich, als ich meine Schritte beschleunigte und an den Hunden vorbeizog, um meine Frau einzuholen, die bereits zügig das nächste Gasthaus ansteuerte. Sekunden später lag ich auf der Schnauze.

Aus Gründen des besseren Verständnisses beschreibe ich den Vorfall in Extreme-Slow-Motion. Ihr kennt das aus den Stellen von Matrix, wenn die Kugeln fliegen:

Die Katze wartet, bis wir vorbei sind. Dann schießt sie wie eine Rakete aus dem Hof und greift die Hunde an. Mit wohlgezielten Sensenhieben fügt sie Luna einen Riss an der Lefze und einen auf der Zunge zu, Wiki erhält einen Schmiss am Augenlid und eine blutige Nase. Die Opfer explodieren vor Wut und stürzen sich auf die Aggressorin, um sie umzubringen. Die springt geschickt zurück. Beide Hunde setzen nach. Keinen von ihnen scheint zu interessieren, dass hundert Kilo Hundehalter am Ende der Leine hängen. Ich rutsche auf dem Kugelkopfpflaster aus und knalle der Länge in den Graben. Mein Smartphone, das ich in der Beintasche meiner orangefarbenen Wanderhose mit mir führe, kracht auf ein Hindernis und spielt selbstständig einen Videoausschnitt ab, den ich für die Lesungen abgespeichert habe. 

In dem Moment drehte sich meine ahnungslose Frau, die Led Zeppelin nicht leiden kann, um und erfasste die erschütternde Szene mit ungläubigem Blick: Der Gatte wälzte sich im Dreck, Robert Plant kreischte I’m dazed and confused und am Ende der Fünfmeterleine zupfte sich ein fluchendes Knäuel aus Tierleibern gegenseitig Flocken aus dem Fell. 

Sie hat dann irgendwie eingegriffen und uns allen das Leben gerettet. Ich erinnere mich nicht mehr an die Einzelheiten. Das Smartphone war auch keine große Hilfe. Es hat wohl vor Schreck ein Panoramafoto von dem Vorfall geschossen, aber kein sehr gutes. Das bahnbrechende Werk heißt: Mann mit Led-Zeppelin-Begleitung auf dem Kopfsteinpflaster umgeben von kämpfenden Haustieren fotografiert aus der Sicht einer orangefarbenen Wanderhosentasche.












Samstag, 11. März 2017

Niedliche Nervensäge mit sechs Buchstaben.






Meine erste Bekanntschaft mit einem Beagle schloss ich als frischgebackener Neuhundbesitzer vor zwölf Jahren. Ich radelte mit Luna nichtsahnend durchs Düsseltal, als ein Beagle aus dem Gebüsch brach und uns mit wohltemperiertem Hetzlaut den Feldweg hinunterjagte. 

Luna explodierte schier vor Wut und riss mich in die Böschung. Während ich vom Fahrrad segelte, hörte ich die Beaglebesitzerin den kryptischen Satz ausrufen: »Du musst keine Angst haben, Schatz!« Ich weiß bis heute nicht, wen sie damit gemeint hat. Ihren Hund? Meinen Hund? Mein Fahrrad? Aber mir ist damals schlagartig klar geworden, dass ein Beagle und sein Halter etwas ganz Besonderes sind.